Von der Grube zum Grundriß – Zur Rekonstruktion von Pfostenbaugrundrissen. Grabung aktuell 11, 1999, 4–12

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Von der Grube zum Grundriß – Zur Rekonstruktion von Pfostenbaugrundrissen. Grabung aktuell 11, 1999, 4–12

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  Auszug aus: www .grabung–ev. de, GRABUNG e.V. Verein für Grabungstechnik, Archäologie, Bodendenkmalpflege und Nachbargebiete 1 Erstveröffentlichung in GRABUNG    aktuell    11, 1999, S. 4–12 http://www.grabung-ev.de/grabung_aktuell/Texte/GA11-04.pdf T i t e l t h e m a   Grabungstechnik Von der Grube zum Grundriss Zur Rekonstruktion von Pfostenbaugrundrissen von Jens Berthold Pfostengruben zählen unbestreitbar zu den Standardbefunden auf Siedlungsgrabungen der meisten Perioden. 1  Ihre Bearbeitung erfordert in den Ausgrabungen einen oft hohen Einsatz, der durch die Möglichkeit, die ehemalige Bebauung zu rekonstruieren, gerechtfertigt wird. An dieser Stelle sollen erstens Erfahrungen im Umgang mit dieser Befundgattung weitergegeben 2  sowie zweitens die Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktion von Pfostenbaugrund-rissen dargestellt werden. Drittens müssen zugrunde liegende, teils grabungstechnisch bedingte Probleme aufgezeigt werden. Kennzeichen von Pfostenbaugrundrissen In einigen Fällen stellt das Erkennen von Grundrissen kein nennenswertes Problem dar, so z. B., wenn keine Bodeneingriffe anderer Konstruktionen im betreffenden Bereich auftreten, die das Befundbild überprägen, und sich die Zusammengehörigkeit der Pfostengruben förmlich aufdrängt. Gleiches gilt für Bauformen, deren Wandverläufe etwa durch Gräbchen oder enge Pfostenreihen markiert sind. Beklagenswerterweise liegen die Spuren von Pfostenkonstruktionen verschiedener Phasen und Funktionen jedoch oft genug bei- und übereinander, werden durch jüngere Befunde gestört oder laufen über Grabungsgrenzen hinweg und springen daher nicht unmittelbar ins Auge. Reicht im Idealfall ein Blick auf den Gesamtplan, um Bauten zu erkennen, so muss im Normalfall gezielt nach ihnen gesucht werden. Hier setzt die Frage nach den Kennzeichen ein, die herangezogen werden können, um die Zusammengehörigkeit einzelner Pfostengruben zu einem Grundriss zu ermitteln und zu belegen. Ist im geschilderten Idealfall kein Zweifel an der Richtigkeit eines Grundrisses anzubringen, so wird im Normalfall deutlich, dass wir es mit Rekonstruktionen oder besser Rekonstruktionsversuchen zu tun haben, die immer schon Interpretationen sind und somit selbstverständlich fehlerbehaftet oder vollständig falsch sein können. Dies wird spätestens da deutlich, wo verschiedene Bearbeiter denselben Grabungsplan unterschiedlich interpretierten 3 . Um diesen Umstand nicht zu kaschieren, sollten Grundrisse nicht in „richtige“ (das bedeutet 1  Für Anmerkungen und Korrekturen sei an dieser Stelle Drs. N. Aten und A. Göpel M. A. gedankt. Der Artikel wurde nachträglich für die Publikation im Internet überarbeitet. 2  B ERTHOLD 1997a. – B ERTHOLD 1997b. 3  B ERTHOLD  1997a, 43–45 u. Abb. 11. – F RIES -K NOBLACH  2006, Abb. 13–15.  Auszug aus: www .grabung–ev. de, GRABUNG e.V. Verein für Grabungstechnik, Archäologie, Bodendenkmalpflege und Nachbargebiete 2 „publizierte“) und „falsche“ (d. h. verworfene) untergliedert, sondern mit qualitativen Abstufungen wie „zweifelsfrei“, „wahrscheinlich“ und „unsicher“ charakterisiert werden. Erneut erhebt sich die Frage nach möglichst objektiven Kriterien für eine solche Unterteilung. Für die einzelnen Kulturen und Perioden sind unterschiedliche Merkmale der jeweils typischen Bauformen von Bedeutung und selbstverständlich müssen zunächst die charakteristischen Grundrisse der jeweiligen Zeit und Region als Referenz herangezogen werden. Es gibt daneben aber grundlegende Hinweise, die vor allem von Bedeutung sind, wenn ungewiss ist, mit welchen Hausformen zu rechnen ist, und wenn keine „standardisierten“ Grundrisse mit Hilfe von Schablonen ermittelt werden können, die man auf den Grabungsplänen umherschiebt. Als solche Merkmale können 1. die Konstellation der Befunde oder allgemein ihre Lage zueinander gelten und 2. die Merkmale der Einzelbefunde, d. h. der Pfostengruben. Konstellationen von Pfostengruben Deutlichstes Kennzeichen sind sicher klare Fluchten von Pfostengruben in parallelen Reihen, bei denen die Gruben unter den Reihen miteinander korrespondieren und zu Pfostenpaaren oder Pfostenriegeln verbunden werden können. Ein Indiz sind ebenfalls regelmäßige Abstände zwischen den Pfostengruben. Die Suche nach Fluchten im rechten Winkel zueinander darf aber nicht dazu verleiten, Strukturen zu übersehen, die anderen geometrischen Formen folgen. Als Beispiel seien zwei anders geartete Grundrisstypen des Mittel-alters angeführt: polygonale, oft sechseckige Rutenberge und schiffsförmige Häuser (Abb. 1 u. 2). In diesen beiden Fällen ist allein mit einem Lineal als Werkzeug kein Hausbefund im Grabungsplan ausfindig zu machen, doch auch hier liegt i. d. R. eine regelmäßige Form zugrunde. Die Rechtwinkligkeit als ein Prinzip, das in den Grundrissen häufig wiederkehrt, ist also nur ein  Indiz, auf das allein kein Verlass ist. Daneben müssen regelmäßige Verteilungen, gleiche Maße und Abstände beachtet werden. In welchem Umfang Unregelmäßigkeiten in Kauf genommen werden können, lässt sich nicht verallgemeinern. Dass es völlig unregelmä-ßige Grundrisse gegeben hat, ist natürlich denkbar, nur sind sie außer bei häufigem Vorkommen oder in sehr guter Erhaltung kaum glaubhaft zu belegen.   Abb. 1: Sechseckiger Rutenberg der mittelalter-lichen Siedlung Wüstweiler.  Auszug aus: www .grabung–ev. de, GRABUNG e.V. Verein für Grabungstechnik, Archäologie, Bodendenkmalpflege und Nachbargebiete 3  Probleme schaffen außerdem kleine Pfostengrubenformationen wie etwa rechtwinklige Vierpfostenbauten. Die Gefahr, dass durch die „Launen der Mehrphasigkeit“ zufällig vier Pfostengruben in einem regelmäßigen Quadrat zu liegen kommen, ist evident und steigt mit der Befunddichte eines Platzes. Demzufolge muss in diesen Fällen die Zusammengehörigkeit der Befunde kritischer hinterfragt werden. Manchmal ist es daher besser, wenn man von der Rekonstruktion solcher Grundrisse in derartigen Befundsituationen ganz absieht – sicher ein unbefriedigendes Vorgehen, aber bisweilen das einzig vertretbare. Das Problem der zufälligen Entstehung von kleinen Grundrissen wird ganz besonders deutlich, wenn man etwa die sicher belegten Zweipfostenbauten der Neuzeit betrachtet (Abb. 3), die in durchschnittlichen archäologischen Befundsituationen methodisch nicht nachweisbar sind. Kein Bearbeiter würde unter gewöhnlichen Erhaltungsbedingungen die Rekonstruktion eines solchen Grundrisses wagen. Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass polygonale und vor allem unregelmäßige und kleine Grundrisse schwerer zu erkennen sind und letztere u. U. nicht bzw. nicht gesichert rekonstruiert werden können. Bei der Rekonstruktion ganzer Hofanlagen ist dieses Quellen-problem zu berücksichtigen. Abb. 3: Neuzeitlicher Zweirutenberg am Niederrhein (aufgestelzte Variante). Abb. 2: Schiffsförmiger Pfostenbaugrundriss der mittelalterlichen Siedlung Horst (NL).  Auszug aus: www .grabung–ev. de, GRABUNG e.V. Verein für Grabungstechnik, Archäologie, Bodendenkmalpflege und Nachbargebiete 4 Pfostengrubenmerkmale Beim Vergleich einzelner Pfostengruben können Merkmale wie Durchmesser, Tiefe, Unterkantenniveau, Planums- und Profilform, Füllung, Datierung sowie das Vorkommen von Pfostenstandspuren herangezogen werden. Dabei sollte man – ohne zu generalisieren – annehmen können, dass ähnliche Funktionen der Pfosten im Hausgerüst zu vergleichbaren Befundmerkmalen geführt haben. Der Durchmesser der Pfostengruben steht i. d. R. im Verhältnis zur Stärke des hölzernen Pfostens, der wiederum als Anzeichen für die statische Belastung angesehen werden kann. Dies lässt sich beispielsweise im mittelalterlichen Rheinland an Bauten mit guter Erhaltung 4  und an den durchschnittlich geringeren Pfostengrubendurchmessern von kleinen Nebengebäuden, Seitenschiffen und/oder Anbauten belegen 5 . Die erhaltene Tiefe ist lediglich bei eindeutig rekonstruierbarer ehemaliger Oberfläche gefahrlos zu vergleichen und scheidet daher meist aus. Allerdings kann es sich lohnen, sehr tiefe Pfosten-gruben im Plan zu markieren, um Grundrissformationen sichtbar zu machen, denn auch die Pfosten-grubentiefe kann Hinweise auf die statische Belastung und die Rekonstruktion des Grundrisses liefern. In gleicher Weise kann es helfen, spezielle Profilformen, z. B. langschmale, gestufte oder spitz zulaufende, auf dem Gesamtplan zu kartieren (Abb. 4). Das absolute Unterkanten-niveau als einzige srcinale Höhenangabe sollte, wie Bauten mit guter Holzerhaltung verraten, nicht überbewertet werden, denn in einem Bau kann dieser Wert um 0,45 m innerhalb eines Pfostenpaares schwanken. Dieser Umstand verdeutlicht ebenso, weshalb manche Pfostengruben 4   Gedacht ist hier und im Folgenden an die außerordentlich gut erhaltenen Hausbefunde der mittelalterlichen Burganlage des Husterknupp (H ERRNBRODT 1958), die zu einer quellenkritischen Betrachtungsweise einladen. 5   B ERTHOLD 1997a, 77–79.   Abb. 4: Bauabfolge von Sechspfostenbauten mit unterschiedlichen Pfostengrubenmerkmalen aus Aldenhoven-Pattern.  Auszug aus: www .grabung–ev. de, GRABUNG e.V. Verein für Grabungstechnik, Archäologie, Bodendenkmalpflege und Nachbargebiete 5 eines Grundrisses nicht mehr erhalten sind, während andere noch recht tief reichen. Die Existenz von Pfostenstandspuren und ihre jeweiligen Merkmale können zusätzlich als Zusammengehörigkeitsindizien gewertet werden. Dafür müssen sie allerdings in ausreichender Anzahl erhalten sein und zudem möglichst in gleicher Weise geschnitten werden, um verglichen werden zu können. Gravierende Unterschiede in der Profilform können sich ansonsten beispielsweise bei schräg gestellten Pfosten ergeben. Daneben kann auch das Vorkommen von Verkeilungen und Stickungen als Indiz herangezogen werden. Insgesamt ist zu betonen, dass die Ähnlichkeiten einzelner Pfostengrubenmerkmale eher dazu geeignet sind, Zusammengehörigkeiten zu bezeugen. Hingegen sollten Unterschiede zwischen den Pfostengruben nicht voreilig herangezogen werden, um Grundrissrekonstruktionen zu widerlegen. Pfostengrubenmerkmale haben eher einen bestätigenden als einen verwerfenden Charakter. Hingegen ermöglichen nur sehr deutliche und charakteristische Übereinstim-mungen eine Rekonstruktion allein anhand der Pfostengrubenkennzeichen und nur sehr deutliche Diskrepanzen führen dazu, eine Pfostenformation unbeachtet zu lassen. Grabungstechnische Probleme Eine Voraussetzung, um Pfostenbauten überhaupt zu entdecken, sind selbstverständlich ausreichend große Flächen, die geöffnet werden. Kaum eine andere Befundgruppe reagiert in der Interpretierbarkeit so sensibel auf nicht zusammenhängende, schmale Schnitte. Nur mit viel Glück geben solche Untersuchungsflächen komplette Grundrisse preis und nur selten können dort Befundzusammenhänge richtig gedeutet werden. Außerdem schafft jede Grabungsgrenze – auch eine kurzfristige – stets eine weniger gut überschaubare Situation. Soweit es sich einrichten lässt, ist deshalb die Anlage von großen, unmittelbar aneinandergrenzenden Plana dringend anzuraten. Fast überflüssig ist anzumerken, dass der Erforschung von Grundrissen über die Grabungsgrenze hinweg eine große Bedeutung zugeschrieben werden muss, denn halbe – insbesondere der Länge nach halbierte – Grundrisse haben weit weniger als die Hälfte der Aussagekraft von vollständigen! Die Rekonstruktion von Grundrissen  Die Rekonstruktion von Pfostenbaugrundrissen ist kein Vorgang, der erst nach der Grabung von Bearbeitern angegangen werden sollte, die die Befunde vor Ort nicht mehr selbst beurteilen können, geschweige denn je gesehen haben. Ergeben sich bei der Grundrissrekonstruktion doch vielfach Fragen und Problemstellen, die Nachforschungen am Befund erforderlich machen. Aus diesem Grund werden diese Zeilen im Rahmen dieser Zeitschrift vorgelegt. Ausgehend von dem oben Gesagten, haben sich folgende Arbeitsschritte bewährt: Eine Art „Brainstorming“ sollte am Anfang stehen, bei dem über mehreren Kopien einer geeigneten Planvorlage im Maßstab zwischen 1:50 und 1:200 alle denkbaren – und nicht unbedingt nur die realistisch erscheinenden – Verbindungen, Fluchten, rechten Winkel und auffälligen Formationen u. U. mit Hilfe eines Geodreiecks farbig markiert werden. Je mehr Ideen von verschiedenen Personen und an verschiedenen Zeitpunkten produziert werden, desto besser.
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