Über Jeremy Benthams Das Panoptikum und Zygmunt Baumans und David Lyons Daten, Drohnen, Disziplin. (Zeitschrift für philosophische Literatur 2(1))

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Doppel-Besprechung von Jeremy Bentham, Das Panoptikum, und Zygmunt Bauman/David Lyon, Daten, Drohnen, Disziplin.

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  Zeitschrift für philosophische Literatur 2.1 (2014), 82–101   © 2014 Zeitschrift für philosophische Literatur, lizenziert unter CC-BY-ND-3.0-DE Bentham, Jeremy: Das Panoptikum. (Hg. Christian Welzbacher) Berlin: Matthes & Seitz 2013. 221 Seiten. [ISBN 3882216131] Bauman, Zygmunt/Lyon, David:  Daten Drohnen Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung.  Berlin: Suhrkamp 2013. 205 Seiten. [ISBN 3518126679] Rezensiert von Anna-Verena Nosthoff (Goldsmiths, University of London)  Bentham is more important for the understanding of our society than Kant and Hegel.  ––Michel Foucault Rereading Bentham today? Michel Foucault wurde häufig vorgeworfen, Jeremy Benthams panoptisches Modell in einem zu totalitären Licht darzustellen, allen voran von Seiten des Bentham Projects   am University College in London. Janet Semples Studie Bentham’s Prison. A study of the Panopticon Penitentiary (1993) blieb jedoch lange die einzig kritische Auseinandersetzung mit Foucaults Bentham-Rezeption, und auch diese verfällt am Ende in einen provokativen Vergleich Benthams mit George Orwell (vgl. Semple 1993: 316 sowie dazu Welzbacher 2013: 185).   In jüngerer Zeit erhoben sich vor allem aus dem französischen Raum Stimmen, die eine Revitalisierung der Debatte um Foucaults einseitige Bentham-Rezeption fordern. So sucht Anne Brunon-Ernst, das utilitaristische Projekt Benthams mit Foucaults maßgeblichen Ideen zu Biopolitik und Gouvernementalität zu  verknüpfen (vgl. Brunon-Ernst 2012, 2013). Seit 2006 findet sich mit Revue d’études benthamiennes   des Weiteren ein halbjährlich erscheinendes Online- Journal vom Centre Bentham  , das sich um eine Wiederbelebung des benthamschen Erbes bemüht.  Auch im deutschsprachigen Raum gibt die nun erschienene vollständige Übersetzung von Benthams Briefsammlung Panopticon. Or the Inspection House  , die 1787 von Bentham aus Weißrussland nach England gesandt wurde, Anlass zur Neubesprechung. Obgleich vom Herausgeber Welzbacher nicht erwähnt, sollte an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass eine erste, leider wenig rezipierte deutsche Teilübersetzung von Michael Adrian und Bettina Engels bereits 2003 in der  Neuen Rundschau   erschien (vgl. Bentham 2003). Allerdings mag es insgesamt verwundern, dass es sich sowohl bei der Teil- wie auch der jetzt erschienen vollständigen Übersetzung um Erstübersetzungen handelt –  Bentham: Das Panoptikum   & Bauman/Lyon: Daten, Drohnen, Disziplin (Anna-Verena Nosthoff) 83  vor allem, wenn man bedenkt, dass Benthams Vertheidigung des Wuchers bereits 1787 auf Deutsch erschienen war. Auch das Panoptikum  wurde schon 1791 im revolutionär-umstürzlerischen Frankreich publiziert; wenn auch in autorisierter Version. Die vollständige französische Übersetzung der Originalbriefe folgte dann 1977, unmittelbar nach Foucaults bahnbrechendem Erfolg von Surveiller et punir (1975). Die somit recht dringlich gewordene deutsche Übersetzung der Panoptikum-Briefe   ist nicht nur im Zuge der Präsenz von NSA, CCTV und GCHQ von absolut zeitgenössischer Relevanz, sondern auch im Rahmen der eingangs erwähnten Kontroverse um die schwierige Rezeption Benthams in Foucaults Werken. Die Geburt des Panoptikums: Jeremy Benthams Das   Panoptikum. Oder das Kontrollhaus.  In 21 Briefen exponiert Bentham seine Ideen zum panoptischen Gefängnis. Die einer recht nüchternen Sachlogik folgende Mehrzahl dieser ist bis ins kleinste Detail ausformuliert. Neben der Planung der Grundkonstanten für den Bau des Kontrollhauses im Sinne der populär gewordenen Zentralisierung der Aufseher-Loge inmitten der um ihn herum kreisförmig angeordneten und durch Trennwände separierten Einzelzellen (13–18), finden sich im dritten Brief exakte Maße zur Realumsetzung der Ringzone, der Empore, mitsamt des Treppen- und Zwischenbereichs (23–26). Benthams Überlegungen folgen in penibler Exaktheit einer umfassenden Zweck-Mittel-Kalkulation. 48 Zellen sollte es geben, sechs Fuß breit an der Außenseite; der Durchgang durch das Gebäude hätte acht oder neun Fuß betragen. Die Ringzone berechnete Bentham mit exakt 14 Fuß – alles im Sinne der effizientesten Balance zwischen Kosten und Nutzen (22–23). Das panoptische Modell des Kontrollhauses inklusive der Baumaße und Grundkonstanten, die für eine Umsetzung von Nöten gewesen wären, offenbart sich so zunächst als rein architektonisch-rationeller Plan. Dieser  wird in den Briefen IV und V konkretisiert und um mögliche Erweiterungen ergänzt. Briefe VI und VII erweisen sich als allgemeine Auflistung sämtlicher systematischer Vorteile im Vergleich zu den damals vorherrschenden Gefängnissen und Zuchtanstalten, die von dem zentralisierten Kontrollblick des Wächters als effizientem Disziplinarinstrument (38) bis hin zur  Verminderung von Folteranwendung reicht (31). Festzustellen bleibt zunächst, dass es Bentham um eine ausgedehnte  Bentham: Das Panoptikum   & Bauman/Lyon: Daten, Drohnen, Disziplin (Anna-Verena Nosthoff) 84  Wirtschaftlichkeit ging, die durch umfassende Organisation und kluge  Anordnungsarchitektur zur Perfektion gebracht werden sollte (40–46). Briefe X und XI erläutern darüber hinausgehend, dass die Geschäftsbücher offenzulegen seien, um die „ganze Geschichte des Gefängnisses“ dem Primat der Transparenz zu unterwerfen (43). Bentham versteht die effizienteste Idee zur Konstruktion eines Gefängnisses als patentwürdig: Der Ideenhaber solle so lange ein Monopol über den Gefängnisbau besitzen, „wie er es im rechten Sinne nutzt“ (42). Bentham versteht das Panoptikum als effizientes Mittel zur Erreichung eines gesamtgesellschaftlichen Zweckes. Bei der Lektüre der Briefe wird deutlich, dass es ihm in der Tat um die Maximierung der Freiheit derjenigen geht, die außerhalb des Gefängnisses in der Folge eines funktionierenden Disziplinarbaus in Sicherheit leben können. Gleichzeitig diskutiert er die maximale Freiheit der Gefangenen nach gesellschaftlicher Reintegration wie auch innerhalb des Kontrollhauses. Benthams Freiheitsbegriff liest sich so klassisch-negativ als Abwesenheit von äußerem Zwang – es ist jene „Freiheit“, die Foucault einige Dekaden später im Rahmen der erwarteten Internalisierung der (nicht selbstbestimmten) Normen der Gefangenen als im Kern totalitär dekodieren wird. In der Tat ist es nach Foucault schwierig, Bentham jenes totalitäre Moment gänzlich abzusprechen; schließlich war für ihn Reintegration in die Gesellschaft nur für den Fall denkbar, dass die „Abweichung“ von der Norm vollständig aufgehoben, der Gefangene somit tauglich gemacht, dem Standard angepasst würde. Im Panoptikum zieht sich Benthams negative – und nach Foucault zweifelhaft gewordene – Freiheit so in eher pervertierter Form bisweilen bis in die Mauern des Panoptikums, innerhalb derer die Insassen in radikaler Isolation hausen. Sogar die heilige Messe soll vom zentralen Punkt des Wachturms aus gehalten werden, sodass es nicht zu störenden Drängeleien kommen kann (41). Das Schmieden von Fluchtplänen mit anderen ist somit genauso ausgeschlossen wie jegliche Form kollektiver Protestaktionen. Die Gefangenen verlassen nie ihre Zellen, sind  vollkommen auf sich allein gestellt (41). Der einzige äußere Einfluss bleibt die Potenzialität des allgegenwärtigen Auges, die sich in der Folge im Rahmen internalisiert-habitualisierter Praxis in autorepressive Disziplinierungsmechanismen übersetzt. Foucault hat diese psychophysische Regulierungskraft der Disziplin korrekt interpretiert – die Panoptikum-Briefe  verdeutlichen jedoch, dass für Bentham die radikale Einsamkeit in erster Linie Quell für eine tatsächlich schnell voranschreitende moralische   Besserung im  Bentham: Das Panoptikum   & Bauman/Lyon: Daten, Drohnen, Disziplin (Anna-Verena Nosthoff) 85 Sinne seines  greatest-happiness-principles   blieb. 1  Außerdem sollte angemerkt  werden, dass Bentham seine Pläne zur vollständigen Isolierung der Gefangenen später revidierte – unter ausdrücklichem Bezug auf die schädigenden Folgen der Vereinsamung (vgl. Brunon-Ernst 2012). Benthams Freiheitsverständnis erscheint mitunter recht pragmatisch: Freiheit ist sicherlich keine moralische Kategorie im kantischen Sinne; in erster Linie ist sie nützlich und im Sinne der Steigerung von  pleasure   gewinnbringend. Für Bentham ist jede Freilassung im Rahmen erfolgreicher Züchtigung äquivalent zu einem neugewonnenen Platz in der Zelle und somit ökonomisch sinnvoll. Gleichzeitig versteht sich der panoptische Bau als Möglichkeit zur radikalen  Verbesserung der Haftbedingungen (34) in einer Zeit, in der funktionslos gewordene Gefangene in Gefängnissen wie Newgate oder der Bastille unter unmenschlichsten Bedingungen (Seuchen etc.) irgendwo einen Zwischenraum zwischen Leben und Tod markierten (vgl. hierzu auch Welzbacher 2013: 34). In den Briefen VVIII–XXI finden sich in der Folge die auch durch die foucaultsche Lektüre populär gewordenen Andeutungen auf die potenzielle Übertragbarkeit der institutionellen Überwachung im Gefängnis auf Irrenhäuser, Hospitäler und Schulen. Auch hier geht es Bentham  weitestgehend um eine Verbesserung der Lebensbedingungen: Im Irrenhaus solle Gewalt vermindert werden (88), die einzelne Zelle solle jedem  Ankömmling „eine Heimstatt bieten“ (89); in den Hospitälern (Brief XX) könne auf Basis des allgegenwärtigen Blicks kontinuierlich kontrolliert  werden, dass Kranke versorgt und die Medizin pünktlich verabreicht werde (89–90). Bentham spricht von Erhöhung des „Komfort[s]“ (90) und darüber, dass die „Klagen der Kranken“ jederzeit entgegengenommen werden könnten (90). In Hinblick auf die Schulen (Brief XXI) spricht Bentham von der  Verhinderung des „Abspicken[s]“, das er als „System frühzeitiger Korruption, in dem Reichtum und Faulheit beschirmt und Ehre […] erkauft werden kann“ (96), versteht. Benthams egalitäre Botschaft lautet in diesem Kontext: „Jeder Adelige soll in denselben Stand versetzt werden, etwas zu lernen, wie jeder gewöhnliche Mensch auch.“ (96) Es sollte deshalb nicht unbeachtet bleiben, dass Benthams Ausführungen immer auch ein radikaler Glaube an 1  Zur Erläuterung seien hier kurz zwei Zitate angeführt: Im Preface zu A Fragment on Government   (1776) schreibt Bentham: „[...] it is the greatest happiness of the greatest number that is the measure of right and wrong [...]“ (Bentham 1997: 393); in On the Principles of Morals and Legislation   (1789): „Ethics at large may be defined, the art of directing men’s actions to the production of the greatest possible quantity of happiness, on the part of those whose interest is in view.“ (Bentham 1996: 282)  Bentham: Das Panoptikum   & Bauman/Lyon: Daten, Drohnen, Disziplin (Anna-Verena Nosthoff) 86 die menschliche Vernunft- und Einsichtsfähigkeit zugrunde liegt (und zwar auf Basis einer eher radikaldemokratischen als totalitären Tendenz). Alain Brossat (2006) beschreibt Benthams Panoptikum so beispielsweise als ein „von der Begeisterung der Aufklärung getragenes Projekt“, das sich in der Folge über den reinen Appell Kants an eine Mündigkeit inklusive einer ,nur-abstrakten‘ Vernunft hinwegzusetzen versuchte. Auch im Panoptikum   erweist Bentham sich einmal mehr als „Theoretiker der Tat“ (Welzbacher 2013: 9), dem es um eine real-progressive Umsetzung des aufklärerischen Projekts ging, das sich im Sinne eines politischen, tätigen Pragmatismus zwangsläufig Kosten/Nutzen-Kalkülen fügen musste (und dabei mit einem moralischen Sollen  weiterhin kompatibel blieb). Benthams panoptisches Gefängnis ist somit vor allem als Erziehungs- und Besserungsanstalt zum Zwecke einer gesamt-gesellschaftlichen Bewegung hin zu einem Zustand größeren Allgemeinnutzens zu verstehen – die Gefangenen einbezogen. Durch den Fokus auf deren Selbst-Disziplinierung  wird Benthams scharfem Kalkül zufolge eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichtert, da die Techniken zur Selbststeuerung und Handlung im Sinne des gesellschaftlichen Interesses über die Zeit erlernt würden. Die panoptisch ausgerichtete Institution war für Bentham somit Instrument zur Steuerung gesamtgesellschaftlichen Zusammenlebens mit möglichst geringen Kosten. In diesem Sinne war sie vielleicht eine Vorstufe foucaultscher Gouvernementalitätstechnik, jedoch nicht zwangsläufig ein Orwellismus avant la lettre. Benthams Gratwanderungen erweisen sich jedoch mitunter als schmal; insbesondere wenn er anmerkt, dass ein Zustand insbesondere dann „vollkommen“ sei, wenn „jede Person zu jedem Zeitpunkt einem solchen Zwang unterworfen wäre“ (12). Foucaults radikale Interpretation des panoptischen Modells wird an diesen Stellen nachvollziehbar, insbesondere,  wenn er schreibt, dass es Benthams utopischem Ideal entsprach, „aus diesen Disziplinen ein die Gesamtgesellschaft lückenlos überwachendes und durchdringendes Netzwerk zu machen“ (Foucault 1976: 268).  Vor allem in diesem Kontext muss Bentham jedoch im Zusammenhang mit seinen späteren Schriften gelesen werden (siehe hierzu auch Leroy 2013   sowie Laval 2013). Denn Foucault verkannte, dass sich Benthams panoptische Ideenwelt nicht nur in dessen frühen Briefen zum Panoptikum erschöpfte. Wie Brunon-Ernst (2012: 24–27) eindrücklich zeigt, lassen sich in Benthams Schriften mindestens vier   verschiedene Varianten panoptischer
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