Rein und Unrein – räumliche Aspekte rabbinischer Reinheitshalacha

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  51  Alexander Dubrau Rein und Unrein – räumliche Aspekte rabbinischer Reinheitshalacha Das Land Israel, Jerusalem, der empel oder die Synagoge eignen sich in beson-derer Weise ür die Untersuchung räumlicher Konzeptionen und Praktiken im spätantiken Judentum. Gemeinsam sind allen diesen Räumen bestimmte Verhaltensregeln und Reinheitsbestimmungen. Die besondere Stellung des Landes Israel   kommt in der Bibel bereits neben der Landverheißung (Gen 15, Nu 34) in zahlreichen landwirtschalichen Bestimmungen, wie zum Beispiel dem Verbot der Bestellung des Feldes im Sabbatjahr oder vielen Operanord-nungen, zum Ausdruck, mit Hile derer sich das Volk das Land Israel gleich-sam ‚verdient‘. Mit dem Land Israel ( Eretz Israel  ) wie auch mit Jerusalem und dem empelareal als kultischen Mittelpunkt verbindet sich nicht zuletzt des-halb ein Heiligkeitsstatus ( Holy Land  ), welcher auch als sacred space  bezeichnet werden kann. 1 Nach der Zerstörung des Nationalheiligtums der Juden im Jahre 70 n. Z. behauptete sich die rabbinisch-pharisäische Bewegung als normative Krades Judentums. Die Rabbinen entwickelten in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende ein durch biblische und nichtbiblische Vorgaben geprägtes komplexes System von Heiligkeitsvorstellungen und Reinheitsbestimmungen, deren zahlreiche Ausührungen ein Großteil der klassisch rabbinischen Lite-ratur umasst. Zeugnisse dieser radition bilden auch den größten eil der Mishna, der ersten wichtigen kanonischen Sammlung der mündlichen ora.Im Mittelpunkt des olgenden Beitrags stehen räumliche Aspekte rabbi-nischer Reinheitsbestimmungen. Dabei konzentrieren sich die Ausührungen au die Epoche der Spätantike und au einige halachische Konzeptionen, die im klassischen Schritum der Rabbinen überlieert sind. Ausgehend von Überle-gungen zu den Heiligkeitsmodellen im biblischen Kontext soll die Dynamik der Reinheitskonzeption im priesterlichen System im Kontext der Reinheits-bestimmungen der Paradigmen Rein – Unrein  und Heilig   – Nichtheilig skiz-ziert werden. Nacholgend wird geragt, welche Stellung die rühe rabbinische Literatur dem Heiligkeitszentrismus beimisst und wie die Rabbinen ihr System  von Reinheit und Heiligkeit mit dem der Bibel verknüpen. Dabei werden zwei raditionslinien angesprochen, eine an autonomen Entscheidungsprinzipien orientierte und eine priesterliche. Mit der Herausbildung der rabbinischen  52 Bewegung verlagert sich die Konzeption von Heiligkeit zunehmend in die Synagoge und den privaten Bereich. Exemplarisch soll anschließend anhand der Konzeption der ‚Bezeltung‘ – eine der umassenden rabbinischen Rein-heitstraditionen zum höchsten Grad von Verunreinigungsähigkeit, der ote-nunreinheit – au eine ‚Produktion‘ von ‚reinen und unreinen Räumen‘ ver-wiesen werden. 2 Die komplexen Reinheitsgesetze haben, im Gegensatz zu den halachischen ra-ditionen über den Shabbat, die die Konzeption des Erub  (wörtl. Vermischung, Vereinigung) einschließen, eine breite biblische Basis und bilden einen, wenn nicht sogar den  zentralen Fokus religiös-gesellschalichen Lebens in der zwei-ten empelzeit. Dies wurde von den Rabbinen erkannt und in Mishna Chagiga 1,8 wie olgt kommentiert: „Die Satzungen über den Shabbat (…) sind wie Berge, die an einem Haar hängen; denn sie bestehen aus wenigen Bibelworten und zahlreichen Bestimmungen. (…) die Vorschrien über Reinheit und Unreinheit und über Blutschande – sie haben, worau die sich stützen können; die sind die Hauptstücke der ora.“ Dies bedeutet keinesalls, dass – wie exemplarisch gezeigt werden soll – rabbi-nische Kreativität im Umgang mit biblischen Reinheitsgesetzen minder zum Ausdruck kommt. Die politische Dimension der Kontroversen um Rein und Unrein zeigt sich vor allem in den Schrien der Gemeinscha in Qumran oder den Kontroversen der Pharisäer und Sadduzäer vor der empelzerstörung im Jahre 70 n. Z. In der zweiten empelzeit wird dabei besonders das Verbot der Verunreinigung des Heiligtums kontrovers diskutiert. Die diffizilen Auffas-sungen über die Verunreinigung des empels dienten den verschiedenen reli-giösen Gruppen der zweiten empelzeit als Argument ihrer Gruppenidentität und damit der Abgrenzung nach außen. 3 I Die Heiligkeitstopographie in der Bibel Das Verständnis räumlicher Aspekte rabbinischer Reinheitsvorstellungen bedar zunächst eines Hinweises au die biblisch überlieerte Heiligkeitstopo-graphie und deren Reinheitsbestimmungen. In der ora wird in der Auszugsge-schichte aus Ägypten ein dynamisches Modell zentrierter Heiligkeit beschrie-ben, welches das Lager der Israeliten, den Vorho des Heiligtums, den Ort der Heiligkeit und das Allerheiligste, das tragbare Offenbarungszelt, umasst.  53 Letzteres wird von den levitischen Stämmen und Familien in einer bestimmten Anordnung umlagert (Nu 2-3). Jede Heiligkeitsstue zeichnet sich durch einen bestimmten Status von Reinheit aus; unreine Personen verunreinigen Heiliges und müssen deshalb aus diesem Bereich erngehalten werden. Die jeder Heilig-keitsstue zugeordnete Gruppe beolgt die entsprechend estgelegten rituellen Reinheitsgebote, womit sich olgende Paare bedingen: das Lager – die Israelitender Vorho – die Levitendas Heilige – die Priester das Allerheiligste – der Hohepriester Jede Heiligkeitsstue entspricht einer Reinheitsstue; bzw. der Status Rein  oder Unrein  entscheidet über Zugang zu oder Ausschluss von der jeweiligen Gruppe der Kultgemeinscha. Auch bei der Wüstenwanderung muss die strenge Anordnung des Lagers unbedingt eingehalten werden. So heißt es beispiels-weise in Numeri 2,17: „Dann breche au das Offenbarungszelt, das Lager der Leviten in der Mitte des Lagers. Wie sie lagern, so sollen sie aurechen, jeder an seinem Ort, nach Feldzeichen geordnet“ und in Numeri 9,19: „Und wenn die Wolke viele age über der Wohnstätte verweilt, achteten die Israeliten au das Merkzeichen Gottes und brachen nicht au.“ 4 Des Weiteren kommt in der Bibel, man denke nur an die Beschreibung des empels im ersten Buch der Könige, das statische Modell des sakralen Raums zum ragen. An diesem wird sich besonders in der zweiten empelzeit ange-lehnt. Die Einriedung des herodianischen empels – dessen Reste der West-mauer als so genannte Klagemauer bis heute einen religiös bedeutenden Ort symbolisieren – diente im Altertum nicht nur strategischen Zwecken, sondern grenzt ebenso den reinen Ort vom proanen Umeld ab. In den Makkabäerbü-chern, welche vom Kamp und dem Sieg der unterdrückten Juden und der Rei-nigung und Neuweihe des empels erzählen, lässt sich beispielha eruieren, inwieweit die empelbeestigung neben ihrer militärischen Funktion ebenso als symbolischer Ort ür die Einhaltung der Gebote, die König Antiochos den Juden abschwören wollte, augeasst wird (1Makk 1,33). Die Nichteinhaltung der Gebote und die Geahr der Verunreinigung des empels ühren damit ebenalls zur Einriedung des neu geweihten empels, der als Bollwerk des Glaubens ein Symbol ür die Entschlossenheit Israels und der Verbundenheit mit dem einen Gott war, mit esten Mauern und ürmen (1Makk 4,60). Aus der in den Makkabäerbüchern beschriebenen empelweihung durch Judas Makkabäus wird ebenso ersichtlich, dass die Reinhaltung des empels immer auch die Reinhaltung des Körpers bedeutet. Die Zuwendung zu Gott geht  54 mit der Einhaltung der Gebote – insbesondere mit den Reinheitstraditionen – einher. Nur „untadelige und gesetzestreue Priester“ (1Makk 4,42) wurden  von Judas Makkabäus bei der Neuweihung und Neuausrichtung des empels ausgewählt. Sowohl das dynamisch-zentralistische als auch das statisch-zentralistische Modell der Heiligkeit steht in der Bibel in unmittelbarer Beziehung zur Ausei-nandersetzung mit den Kategorien Rein und Unrein im priesterlichen System. Eine überzeugende Erklärung der Kategorien Rein  und Unrein  sowie Heilig   und Nichtheilig   bietet Jacob Milgrom: 5  Nach dem priesterlichen System kön-nen Personen und Gegenstände durch vier Kategorien bezeichnet werden: Heilig   (   !"#$   ), Nichtheilig   oder Profan  (   %"&   ),  Rein  (   '"()   ) und Unrein  (   *+)   ). 6  Um zu gewährleisten, dass das Heilige  nicht mit dem Unreinen  in Kontakt kommt, sind reine  Dinge entweder heilig   oder nichtheilig   und nichtheilige  Dinge entwe-der rein  oder unrein . Es muss verhindert werden, dass Heiliges  mit Unreinem  in Kontakt kommt. Die gegensätzlichen Begriffspaare Heilig   und Unrein  sind dynamische Phänomene, denn sie versuchen, ihre Kontrolle über das Nicht-heilige  und das Reine  auszudehnen. Im Gegensatz zu Heilig   und Unrein  sind Nichtheilig   und Rein  dagegen statische Phänomene, da sie ihren Status nicht durch Kontaminierung verändern können. Nichtheilig   und Rein  definieren sich jeweils aus ihren Antonymen. Die Grenzen zwischen Heilig   und Nicht-heilig   und zwischen Rein  und Unrein  sind durchlässig und beweglich. Nicht-priester und Priester können durch bestimmte Verhaltensregeln diese Grenzen überschreiten, wobei ein Übergang durch die Annäherung des Heiligen  in den Bereich des Nichtheiligen  verläu, um dabei das Unreine  zu vermindern und den Bereich des Reinen  zu vergrößern. Reinheit ist der Status zwischen Heiligkeit und Unreinheit. Heiliges kann entweiht oder entheiligt und dadurch rein oder nichtheilig werden. Ebenso kann auch Reines verschmutzt und unrein werden. Reinheit ist der normative Status. Jeder und jede ist angehalten, sich aus dem Status von Unreinheit zu bereien. Bei der Kontaminierung mit Unreinheit können je nach Grad der Unreinheit Waschungen, Untertauchen in fließendes Wasser, Operhand-lungen und das Abwarten bis zum Sonnenuntergang wieder zum ursprüng-lichen Zustand der Reinheit ühren. Erst ein bestimmtes Maß an levitischer oder kultischer Reinheit erlaubt es, am Kult teilzunehmen.In der Bibel wird  Reinheit als terminus technicus  bezüglich einer Person, eines Ortes oder eines Gegenstandes, der mit dem Kult unvereinbar ist, verstanden. Reinheit ist deshalb keine Eigenscha oder Substanz, sondern ein Verhältnis zwischen Person und Objekt, eine relationale Beziehung. Die Definition von Reinheit steht im Verhältnis zur generellen Struktur des Kosmos und ist, wie es die Anthropologin Mary Douglas ormuliert, vom Gedanken des Bundes  55 zwischen Gott und seinem Geschöp verständlich. 7  Innerhalb der Gruppe regu-lieren Reinheitsregeln das Verhalten von Priestern und Laien oder Frauen und Männern bzw. trennen im Allgemeinen durch die Verordnung spezifischer Ver-haltensregeln Juden von Nichtjuden. 8  Darau verweist bereits die Grundbedeu-tung der hebräischen Wurzel “ , welche mit absondern, trennen  ebenso wie mit rein, heilig   machen wiederzugeben ist. II Die räumliche Dimension der Paradigmen ‚heilig‘ und ‚rein‘ im rabbinischen Denken Diese biblischen Konzeptionen der Heiligkeitstopologie und das priesterliche System der Reinheit wurden durch die Rabbinen weiterentwickelt, worau im Folgenden näher einzugehen ist. In der im rühen 3. Jh. n. Z. redigier-ten Mishna ist augrund der historischen Bedingungen eine Loslösung vom biblischen Heiligkeitszentrismus zu erwarten: Die römische Hegemonie in Eretz Israel  , die empelzerstörung im Jahre 70 n. Z. und schließlich die Zerstö-rung und völlige Verarmung der jüdischen Minderheit in weiten eilen Judäas und Galiläas im zweiten jüdischen Krieg, dem Bar-Kochba Krieg von 132 bis 135, lassen kaum ein Festhalten am traditionellen Heiligkeitsanspruch zu. Des Weiteren ist zu vermuten, dass in den palästinischen und babylonischen rab-binischen Zentren verschiedene Auffassungen zum Heiligkeitsanspruch Jeru-salems überlieert werden. Obwohl die biblische Konzeption von Heiligkeit unmittelbar an den Bereich des empels gebunden ist, wurde auch nach der Zerstörung des zweiten em-pels durch die Römer das statisch-zentralistische Modell avorisiert. Dieser Beund trif zumindest ür die Mishna zu, die allgemein als Rechtsbuch der Rabbinen angesehen wird. Der größte eil des wahrscheinlich im rühen drit-ten Jahrhundert durch Rabbi Jehuda ha-Nasi redigierten kanonischen Werkes widmet sich den Oper- und Reinheitsbestimmungen und damit meist auch der empelhalacha. Viele der in der Mishna tradierten Bestimmungen konn-ten ebenso wie die Festtagsgesetze, landwirtschalichen Regelungen oder die Gerichtsbarkeit in der Praxis nicht bzw. nicht mehr eingehalten werden. Der Mishna-raktat-Middot widmet sich ganz der empelarchitektur; viele mish-nische Passagen tradieren präzise Angaben zum empel und zum Kult, wel-che zum eil au orale raditionen aus der zweiten empelzeit zurückgehen. 9  Die Forschung ist nicht zuletzt deshalb immer wieder geneigt, die Mishna als ein Dokument vergeistigten Utopismus auzuassen, welches keine praktikable Antwort au die Verhältnisse der Zeit bietet. So hat es vor allem Jacob Neusner in seinem rühen Werk immer wieder herausgestellt. 10  Auch in den in Palästina !   #$  
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