Psalm 26. Unerträgliche Selbstgerechtigkeit oder verzweifelter Glaube?

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  Psalm 26 Unerträgliche Selbstgerechtigkeit oder verzweifelter Glaube? Thomas Hieke, Mainz Einführung Auf den ersten Blick gelesen wirkt Psalm 26 wie der Ausdruck unerträglicher Selbstgerechtigkeit, wie sie im Neuen Testament bei dem in Lk 18,9-14 kriti-sierten Pharisäer begegnet 1 . Doch schon der Kontext nährt die Vermutung, dass eine andere Deutung dem Text angemessener ist. Ps 25 formuliert die Bitte um Verzeihung, „denn meine Schuld ist groß“ (Ps 25,11), die Bitte um Zuwendung und die Hoffnung auf YHWH  . Ps 27 dagegen lebt – wie Ps 23 – vom nahezu ungebrochenen Vertrauen auf YHWH  : „ YHWH ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Könnte Ps 26 als eine Brücke zwischen diesen Polen verstanden werden, zwischen dem Ringen um Gottes Vergebung und Zuwendung und dem festen Bekenntnis zu Gottes  Nähe und Beistand, zwischen Anfechtung und Glaube? Transkription 2  und Arbeitsübersetzung 1a lÿ=DWD  Von David.  b μ  upð-i=nª   Richte mich,  bV YHWH    YHWH  , c kª »Õnª bÿ=tumm=ª halaktª   denn ich, ich bin in meiner Fehlerlosigkeit gegangen, d wÿ=bÿ=YHWH baða¥tª   und auf YHWH   habe ich vertraut, e l¯(») »im«ad   ohne zu wanken. 2a b¥un-i=nª   Erprobe mich, aV YHWH    YHWH  ,  b wÿ=nass-i=nª   und prüfe mich, c ½Õr¯pã K   kilÕy¯t-ay=[y] wÿ=libb=ª   läutere meine Nieren und mein Herz! (K: hp'Arc. ; Q: hp'r>c   ' ) 1  S. die Diskussion bei G.   K  WAKKEL  2002, 149-150, und die melancholischen Worte von  N.   L OHFINK   1991, 189. 2  Die folgende Transkription beruht auf der Biblia Hebraica Transcripta (BH t  ) nach Wolfgang R  ICHTER 1993, 86-89.  66 Thomas Hieke 3a kª ¥asd=ka lÿ=nagd «÷n-ay=[y]  Denn deine Freundlichkeit [wird] vor meinen Augen [sein],  b wÿ=hithallaktª bÿ=»Õmitt-i=ka  und ich werde meinen Weg gehen in deiner Treue. 4a l¯(») ya μ  abtª «im[m] mÜt÷ μ  aw»   Ich saß nicht mit falschen Leuten zusammen,  b wÿ=«im[m] n¬«lamªm l¯(») »ab¯(»)  und mit Hinterlistigen hatte ich keinen Umgang. 5a ¼an÷(»)tª qÕhal m¬ri«[«]ªm  Ich hasste die Versammlung der Übeltäter,  b wÿ=«im[m] rÕ μ  a«ªm l¯(») »i μ  ib  und mit den Frevlern saß ich nicht zusammen. 6a »ir¥a½ bÿ=niqqay¯n kapp-ay=[y]  Ich werde meine Hände in Unschuld waschen,  b wÿ=»ÿs¯*b¬b-a(h) »at mizb¬¥=ka  und ich werde deinen Altar umschreiten,  bV YHWH    YHWH  , 7vI1 lÿ=[h]a μ  mª*« T  bÿ=q¯l t¯dã  um hören zu lassen 3  mit [lauter] Stimme ein Danklied vI2 wÿ=lÿ=sappir kul[l] niplÕ»¯t-÷=ka  und um aufzuzählen alle deine Wundertaten. 8aV YHWH    YHWH  , a »ahabtª mÕ«¯n b÷t-i=ka  ich liebe die Wohnung deines Hauses wÿ=mÕq¯m mi μ  kan kÕb¯d-i=ka  und den Ort der Wohnstätte deiner Herrlichkeit. 9a »al ti»sup «im[m] ¥aðð㻪m nap μ  =ª   Verwirf mich nicht zusammen mit den Sündern  b wÿ=«im[m] »anÕ μ  ÷ damªm ¥ayy-ay=[y]  und zusammen mit Blutmännern mein Leben! 10a »Õ μ  r bÿ=yÕd÷=him zimmã  An ihren Händen [ist] Heimtücke,  b wÿ=yÕmªn-a=m mal¬»ã μ  u¥d   und ihre rechte Hand ist voll von Bestechung. 11a wÿ=»Õnª bÿ=tumm=ª »ilik   Ich aber werde in meiner Fehlerlosigkeit weitergehen,  b  pdi=nª   erlöse mich, c wÿ=¥unn-i=nª   und sei mir gewogen. 3  Textkritik: Die hebräische Form [:miv.l   ;  scheint aus [:ymiv.h;l   .  (H-Stamm) kontrahiert zu sein (s. den Apparat der BHS); zwei Handschriften und die Septuaginta setzen den Grund-stamm ( [:wOmv.l   i ) voraus („um zu vernehmen“). Aufgrund des Parallelismus zum zweiten Infinitiv „um aufzuzählen“ ist jedoch eine aktive Beteiligung („hören lassen, verkünden“, H-Stamm) viel wahrscheinlicher, vgl. N.   L OHFINK 1991, 193-194.    Psalm 26   67 12a ragl=ª «amÕdã bÿ=mª  μ  ¯r   Mein Fuß steht auf geradem Boden.  b bÿ=maqhilªm »ÿbar[r]ik YHWH   In den Versammlungen werde ich YHWH   preisen. Strukturübersicht 1a Überschrift 1b-2 Bitte um Erprobung des Betenden an YHWH   und Rückblick auf bisherige Fehlerlosigkeit (1c →  11a; 1de →  12a) (2abc →  11bc) 3 Positive Erwartung (im Blick auf YHWH  ) ( →  11a) 4-5 Distanzierung von Übeltätern ( →  9-10) 6-7 Positive Erwartung (im Blick auf YHWH  ) 8 Bekenntnis zum Heiligtum YHWH  s 9-10 Bitte um Distanzierung von den Sündern ( →  4-5) 11a Positive Erwartung (Vorsatz für künftige Fehlerlosigkeit →  1c) 11b-c Bitte um Erlösung und Zuwendung ( →  2abc) 12a Bekenntnis der Zuversicht 12b Lobgelübde: Positive Erwartung Die Struktur des Psalms 4  ist durch wiederkehrende Elemente gekennzeichnet, die einander abwechseln (s.u. Äquivalenzen) 5 . Folgende Rahmenstrukturen sind besonders auffällig: (a) die Entsprechung von V. 1c und V. 11a, die durch die pointierte Setzung des selbständigen Personalpronomens der 1. Person Singular ( »Õnª  ; s. vor allem das adversative wÿ=»Õnª   in V. 11a) den eigenen Lebensweg des Sprecher-Ichs betont von der in V. 4-5 und V. 9-10 geschilderten Le- bensweise der Übeltäter absetzt 6 . Dabei zeigt der Wechsel von x- qatal  in 4  P.G.   M OSCA  1985, 218, hat eine Reihe älterer Strukturvorschläge zusammengestellt und ausgewertet. Bemerkenswert ist die große Bandbreite von Varianten. 5  G.   K  WAKKEL  2002, 147, spricht von einem „loose chiasmus“ in V. 1-11 (1b →  11b; 1c →  11a; 4-5 →  9-11; 6-8 Zentrum) und von V. 12 als einer „fitting coda“. Ähnlich B.   W EBER   2001, 137: „mittelzentrierte Gesamtarchitektur“. 6  Vgl. G.   K  WAKKEL  2002, 119.128. – W.H.   B ELLINGER 1993, 453, notiert eine „preponde-rance of the first-person singular pronoun“ in den Versen 1-3.  68 Thomas Hieke V. 1c zu x-  yiqtol  in V. 11a das Grundanliegen des Psalms: So, wie ich  bisher rechtschaffen gelebt habe, will ich das auch in Zukunft tun. „Die Beziehung zwischen beiden Versen [V 1bc und V 11ab] wird noch unter-strichen durch die chiastische Konstruktion: Bitte – Wandeln in Voll-kommenheit, Wandeln in Vollkommenheit – Bitte.“ 7  (b) Eine zweite Rahmung bildet die Entsprechung von V. 1de und V. 12a: Die Standfestigkeit der Vergangenheit (1e) gilt auch für die Gegenwart (12a). Dabei ergibt sich eine Metathesis der Wurzelkonsonanten:  M«D „(nicht) wanken“ (1e) und «MD  „stehen“ (12a) 8 . Ein ähnliches Wortspiel mit Wurzelkonsonanten besteht in den beiden Bitten V. 2a und V. 11b: b¥un-i=nª   („erprobe mich“; 2a) – wÿ=¥unn-i=nª   („und sei mir gewogen; 11b) 9 . (c) Auch die Bitten in V. 2abc und 11bc schaffen durch ihren gemeinsamen Sprechakt (s.u.) einen Rahmen. (d) Von V. 3ab ergibt sich durch den Vorsatz des Weitergehens im Sinne YHWH  s ein Bezug zu V. 11a, so dass V. 3b eine Art Brückenpfeiler von V. 1c zu 11a darstellt (Wurzel  HLK  ). (e) Auf den Bezug zwischen V. 4-5 und 9-10 (Distanzierung von den Übel-tätern) wurde bereits hingewiesen und wird noch einzugehen sein. Die Parallelismen in V. 4-5 sind in sich jeweils chiastisch gestaltet: Das finite Verb steht in der ersten Zeile am Anfang, in der zweiten Zeile am Ende. Zugleich bilden l¯(») ya μ  abtª   in 4a und l¯(») »i μ  ib  in 5b eine inclusio 10 . (f) Die V. 6-8 bilden einen Zusammenhang hinsichtlich der Kultthematik. V. 7 wird mit dem Gedanken des Lobpreises in V. 12b aufgegriffen. Damit ergibt sich insgesamt ein in etwa konzentrisches Bild 11 : 7  G.   H ABETS  1979, 20. 8  Vgl. P.   A UFFRET  2006, 308. 9  Vgl. B.   W EBER 2001, 137. 10  Vgl. W.H.   B ELLINGER 1993, 454; P.G.   M OSCA 1985, 225. 11  Vgl. P.   A UFFRET 2006, 310 (s. auch ders.   1989, 221-222). Gegen A UFFRET s Strukturbild ist zu betonen, dass V. 7 allein kein Zentrum bilden kann, da die Infinitive von V. 6 ab-hängig sind. Ohne Berücksichtigung der Satzsyntax kann keine Strukturbeschreibung auskommen. Das eigentliche Zentrum in struktureller wie inhaltlicher Hinsicht ist V. 8, das Bekenntnis der Liebe zum Heiligtum. – Dieser Strukturvorschlag deckt sich im We-sentlichen auch mit dem Ansatz von P.G.   M OSCA 1985, 228. – Eine etwas andere Makro-struktur bietet z.B. M.   G IRARD  1984, 215-219, an: ein chiastisches Diptychon aus vier Teilen, wobei V. 1-3 und V. 11-12 einen äußeren Rahmen um die zwei inneren „Tafeln“ V. 4-5 und V. 6-10 bilden. M.   G IRARD 1996, 475, präzisiert das Diptychon anhand des Anfangs und des Endes der „Tafeln“ V. 1-5 und V. 6-12: Der Idee der Vollkommenheit (Fehlerlosigkeit) von V. 1 steht die Idee der Unschuld (V. 6) gegenüber, dem Gedanken der Nichtteilhabe an der Versammlung der Übeltäter (V. 5a) entspricht die Teilnahme an der Versammlung am Tempel (V. 12b). Mit den Vorschlägen von G IRARD setzt   sich P.   A UFFRET 1997, 157-162, auseinander. – Eine Fünfgliederung findet sich bei W.H.   B ELLINGER 1993, 453-455, und P.G.   M OSCA 1985, 223-229: V. 1-3; 4-5; 6-8; 9-10; 11-12,    Psalm 26   69 1b; 2abc 1de 1c: »Õnª   3 4-5 6-8 7 9-10 11a: »Õnª   11bc 12a 12b Bitten um Prüfung u. Erlösung Standfestigkeit Weitergehen in Fehler- losigkeit  Distanz  von den Übeltätern Begegnung  mit Gott   im Kult Bei den thematischen Wiederaufnahmen im Psalm handelt es sich nicht um eine kreisförmige Wiederholung des immer Gleichen, sondern um Verände-rungen in Nuancen, so dass sich ein spiralförmiger Aufstieg ergibt. Wichtig ist dabei besonders die Entwicklung der Zeitebenen. Zeitebenen Die Verbalsyntax von Ps 26 bereitet hinsichtlich der Übersetzung in eine tempusgeprägte Sprache nicht geringe Schwierigkeiten 12 . Man kann den Wechsel der Verbformationen tief hängen und von der zentralen Bekenntnis-aussage in V. 8 ausgehen: Trotz der qatal- Formation ist aufgrund des poeti-schen Kontextes und der lexikalischen Besonderheit als Affektverb »ahabtª   als präsentisch zu übersetzen und entsprechend zu interpretieren 13 : Die Liebe des Beters zum Heiligtum YHWH  s erstreckt sich von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft. Da sich hier die den Psalm kennzeichnende Grundhaltung zeigt, wäre es verantwortbar, auch die anderen qatal- und  yiqtol- Formationen ähnlich aufzufassen. Im Deutschen oder Englischen könnte das nur durch das Präsens ausgedrückt werden 14 . Dennoch könnte wobei die Verse 6-8 im Zentrum einer A B C B' A'-Konstruktion gesehen werden. – Eine andere Fünfgliederung schlägt N.   L OHFINK 1991, 200, vor: V. 1-3; 4-5; 6-7; 8-11; 12. Er sieht einen Chiasmus zwischen V. 1-3; 6-7 einerseits und V. 4-5; 8-11 andererseits, so dass sich kein Zentrum mehr ergibt. V. 12 als Coda versucht L OHFINK   von einem rituellen Hintergrund her zu erklären, was aber nur eine Vermutung bleibt. 12  Zur Problemanzeige vgl. T.   L ESCOW  1995, 77; N.   L OHFINK 1991, 194-195; L.A.   S  NIJDERS 1963, 112. 13  Vgl. G.   K  WAKKEL  2002, 116. 14  Dafür plädiert letztlich G.   K  WAKKEL 2002,   115-118,   in seinem Exkurs.
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