Faktoren von Integration bzw. Abstinenz polnischer Adliger und Nichtadliger gegenüber dem preußischen Heer nach 1815

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After Prussia incorporated in 1815 a part of the former Polish-Lithuanian Commonwealth, the conservative government sought to ensure the loyalty of Polish nobles and commoners by integrating them into the army as a key body keeping the heterogeneous

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   Jens Boysen Faktoren von Integration bzw. Abstinenz polnischer Adliger und Nichtadliger gegenüber dem preußischen Heer nach 1815 Grundsätzlich hoben sich die Teilungen Polens durch seine Nachbarn Russland, Preußen und Österreich (1772, 1793 und 1795) zunächst nur durch ihr Ausmaß von anderen territorialen Veränderungen im Zeitalter der Kabinettspolitik ab, d. h. dadurch, dass sie zum völligen  räumlichen und staatsrechtlichen Verschwinden eines der großen Staa-ten Europas führten. Zwar trat in der Folge das  ‚Konzert der Mächte’   in eine Phase verstärkter russischer Einfluss nahme, welche durch die  Ablösung Schwedens als  ‚nordischer’   Führungsmacht durch Russland zu Beginn des 18. Jahrhunderts eingeleitet worden war. Aber da Schwe-den und Polen selbst imperiale Gebilde gewesen waren, bedeutete ihre Verdrängung durch den russi schen Newcomer   noch keinen ‚Paradig-menwechsel’ in der europäischen Politik. Ein solcher folgte indessen bekanntlich der politischen Kulmination der Ideen der Aufklärung in der Französischen Revolution samt ihrer Folgewirkungen in ganz Eu-ropa. Vor dem Hintergrund der daraus resultierenden Konfrontation der Mächte des ancien regime   mit dem revolutionä ren Frankreich kam es spezifisch in Polen zu einem Reformprozess in elfter Stunde, der in der ersten geschriebenen Verfassung Europas vom 3. Mai 1791 gipfel-te. Seither beriefen sich die Verfechter polnischer Selbständigkeit auf den  ‚fortschrittlichen’   Charakter dieses Verfas sungs prozesses und seine gesamteuropäische Bedeutung. Auf diese Weise wurde die  ‚alte’   macht-politische Dimension des Geschehens gedanklich und argumentativ mit der ‚neuen’ gesellschaftspolitischen Dimension verknüpft, d. h. die Idee der modernen, politischen Nation wurde mit dem überkomme-nen Prinzip der Legitimität konfrontiert. Problematisch war dabei die Tendenz, die alte polnische Adelsnation ( Rzeczpospolita  ) als moderne   Nation bzw.  ‚Republik’   zu identifizieren. Natürlich konnte die ohnehin stark umkämpfte Annahme der Verfas-   Jens Boysen 66 sung durch den Sejm 1791 keine sofortige Änderung der Sozialverfas-sung bewirken; allerdings blieb angesichts des bestehenden Primats der  Außen politik, sprich des staatlichen Existenzkampfes, für den konser-vativen Teil des polnischen Adels die Frage innerer Reformen nach-geordnet. Als Quelle seiner politischen Ansprüche betrachtete dieser unverändert seine Standesrechte aus der Vor-Teilungs-Zeit, die – allen rechtstheoreti schen Besonderheiten zum Trotz – faktisch nicht weniger  ‚feudaler’   Natur waren als die seiner Standesgenossen in den Nachbar-staaten. Daher ist eine simple Identifi kation des nach außen gerichteten Unabhängigkeitskampfes mit  ‚fortschrittlichen’   Ideen analytisch kaum möglich. Nach der endgültigen Aufteilung von 1795 durchlief die polnische Gesellschaft eine komplexe, stark von externen Kräften do-minierte Entwicklung, die zwangs läufig von verschiedenen rechtlich-politischen Zwischenlösungen gekennzeichnet war. Am prägendsten war hier die Existenz des Herzogtums Warschau  von 1807 bis 1813/15 (primär gebildet aus den preußischen Teilungsgewinnen von 1793 und 1795): In ihm bestand, ähnlich wie beim beispielgebenden Hegemon Frankreich, eine  ‚halbbürgerliche’   Verfassung mit stark monarchisch-autoritären Elementen; der hier wie dort gültige code civil   gewährte den Staats bürgern zivile Rechte im Tausch gegen politische Gefolgschaft. Die (nominelle) Erneuerung der sächsisch-polnischen Personalunion war dabei vor allem ein Signal für den restaurativen Charakter der na-poleonischen Politik nach 1804; maßgeblich für die konkreten Lebens-umstände im Herzogtum war freilich dessen Funktion als Nachschub-basis für den bevor stehenden Russlandfeldzug. Anders als in den mit Napoleon zwangsverbündeten Preußen und Österreich konnten hier aber die enormen wirtschaftlichen und personellen Belastungen nati-onalpolitisch positiv gedeutet werden, da sich die Polen – vor allem der Adel – im napoleonischen Europa eine herausragende Stellung und territoriale Vergrößerung erhofften. Nicht zuletzt erlaubte die polnische Kriegsbeteiligung auf französischer Seite die Fortführung der für den Adel stark identitätsbildenden mili-tärischen Tradition. Hierbei handelte es sich freilich um einen essen-tiellen  ‚supranationalen’   Faktor des ancien regime  : Beruhend auf dem  Integration bzw. Abstinenz polnischer Adliger und Nichtadliger  67 mittelalterlichen  ‚Wehrstand’  , war der Offiziersberuf allenthalben, wenn nicht adliges Privileg wie etwa in Preußen, so in jedem Fall ein bevor-zugtes Betätigungsfeld des Adels. Wie im europäischen Adel an sich, so bestand auch im militärischen Bereich eine Durchlässigkeit zwischen den einzelstaatlichen Offizierskorps. Vor den Teilungen dienten etwa im polnischen Heer deutsche Offiziere, die primär aus den deutsch-sprachigen Gebieten in Großpolen und Westpreußen, zum Teil aber auch aus dem Reich stammten. Ebenso fanden sich im preußischen Heer ethnisch polnische Offiziere wie Józef Sowiński, der seit 1799 un-ter Friedrich Wilhelm III. diente, 1807 als Artillerist den Rückzug nach Ostpreußen begleitete und 1811 aus der preußischen Armee ausschied, um im Folgejahr als Warschauer Offizier den Russlandfeldzug mitzu-machen. 1  Zweifellos hatte aber im polnischen Offizierskorps besonders seit dem Kościuszko-Aufstand von 1794 eine gewisse  ‚Nationalisierung’   in der Wahrneh mung des eigenen Tuns eingesetzt, die nach 1806/07 neue Nahrung erhielt. Noch stärker als beim fast zeitgleichen deutschen Beispiel konnte sich dabei der politische und kulturelle Abwehrgedanke gegenüber dem äußeren Gegner – im polnischen Fall vor allem Russ-land, im deutschen Fall das napoleonische Frankreich – unabhängig von einem Wandel der innen politischen Anschauungen entwickeln. Immerhin begann sich in diesem Kontext das Ethos der  ‚offizierfähigen’   Kreise graduell, wenn auch vermutlich sehr langsam, von einem rein professionellen und ggf. standesgebundenen hin zu einem  ‚nationalen’   Selbstverständnis zu verschieben; jene älteren Elemente gingen dabei aber zunächst noch nicht verloren. Von besonderer Bedeutung ist dies vor dem Hintergrund der konstitutiven Rolle, welche die Nationalis-musforschung dem Krieg und der kämpfenden Nation für die moderne Nations bildung – in physischer wie in ideeller Hinsicht – zuweist. Wa-ren schon die stehenden Heere in den Staaten des ancien regime   häufig Experimentierfelder für rationalistische  ‚Modernisie rungen’   gewesen, so wurde den neuen  ‚Nationalheeren’   eine geradezu kreative Funktion zu- 1  Vgl. Richard Breyer, Józef Longin Sowiński. Der polnische General mit dem preußischen Pour le mérite, in: Ulrich Haustein u. a. (Hrsg.), Ostmitteleuropa. Berichte und Forschungen, Stuttgart 1981, S. 116–142, hier S. 124 f.   Jens Boysen 68 gesprochen, mit teils sakralen Überhöhungen. 2  Dabei war im frühen 19. Jahrhundert zunächst noch Raum sowohl für eine voluntaristische als auch für eine völkisch-essentiali stische Begründung der Zugehörig-keit zu Heer und Nation.Im gängigen Bild der napoleonischen Ära spielt eine etwaige besondere Konfrontation der durch den Tilsiter Frieden von 1807 zu Nachbarn gemachten Herzogtum Warschau und Preußen keine Rolle. 3  Das liegt gewiss zum einen daran, dass beide Staaten nicht selbstständig, sondern im Kontext ihrer jeweiligen Koalitionen handelten, zum anderen an der genannten Fixierung auf den jeweiligen physischen und ideellen Hauptgegner. Dieser Fakt lässt vermuten, dass die vom Herzogtum  Warschau bzw. von Preußen – zumindest in der späteren kollektiven Erinnerung – beanspruchte Rolle einer ‚nationalen’ Avantgarde für die (projektierte) moderne   polnische bzw. deutsche Nation damals noch nicht von einem nennenswerten wechselseitigen Feindbild begleitet wurde. Außerdem ist zu beachten, dass die politische Entwicklung in Preußen nach 1815 am monarchischen Prinzip  orientiert und da-mit grundsätzlich  gegen  die moderne Nationsbildung von Polen und Deutschen gerichtet war. Generalziel der Restauration war bekanntlich die Wiederherstellung nicht nur der vornapoleonischen Machtverhält-nisse in Europa (freilich unter Wahrung der von Napoleon verfügten  Aufwertungen der ehemaligen Rheinbundfürsten), sondern ebenso der vorrevolutionären Standesordnung im Innern. Das schloss den Rekurs auf den Adel als zivile und militärische Hauptstütze der Monarchie ein, nicht zuletzt über seine – erneute – Privilegierung in den seit 1823 geschaffenen Provinziallandtagen. Und im Sinne der preußischen Staatstradition wurde dabei der Adel, wie die gesamte Bevölkerung, zwar provinzial, nicht aber national differenziert. Der königliche Auf- 2  Vgl. für Deutschland: Gerd Krumeich, Hartmut Lehmann (Hrsg.),  „Gott mit uns“.  Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Göttingen 2000; für eine Polen einschließende komparatistische Sicht: Martin Schulze Wessel (Hrsg.), Nationalisierung der Religion und Sakralisierung der Nation im östlichen Europa, Stuttgart 2006. 3  Tatsächlich liegen zu ihren bilateralen Beziehungen in jener Zeit kaum Forschungsergebnisse vor.  Integration bzw. Abstinenz polnischer Adliger und Nichtadliger  69 ruf  „An mein Volk“   vom 17. März 1813, der sich an die  „Stämme“   der Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern und  „Litthauer“   wandte, hatte das nochmals verdeutlicht. 4  Die von Friedrich Wilhelm III. oh-nehin nur äußerst widerwillig akzeptierte nationale Rhetorik der Refor-mer – so etwa auch in der Proklamation von Kalisch vom 28. Februar 1813 – sollte nur nach außen hin, gegen Frankreich und ins übrige Deutschland hinein wirken, nicht aber den Charakter der Monarchie gefährden. Der König spürte ganz richtig, dass die Patrioten nicht nur dem erneuerten preußischen Staat eine Führungsrolle in Deutschland zuschrieben, sondern dabei auch einen Nationsbegriff lancierten, der letztlich von der Person des Monarchen unabhängig war. Es kam ihnen entgegen – auch wenn dies vor 1815 kaum zum ema wurde –, dass so, wie der Anschluss des 1806 von Preußen abgefallenen Großpolen an das Herzogtum Warschau ohne Zweifel die  ‚nationale’ Tendenz im polnischen Adel der Region förderte, das Restpreußen von 1807 ein von  ‚national-oppositionellen’   Kräften weitgehend freies  ‚deutsches’   Land bildete, da die polnischsprachigen Schlesier und Masuren ebenso wie die protestantischen Litauer des Memellandes völlig loyal und zugleich der polnisch gesinnte Adel Westpreußens zu schwach waren. Umge-kehrt sollte der erneute Erwerb des Posener Landes 1815 dazu führen, dass der Konflikt zwischen Konservativen und Reformern allmählich durch einen national ausgerichteten überwölbt wurde.Die vielen Umwälzungen zwischen 1772 und 1815 und das folgende  Jahrhundert ohne Eigen staatlichkeit führten polnischerseits zu einer komplizierten Verwebung altständischer mit modern-nationalen Ar-gumenten, die in Abhängigkeit von der jeweiligen politischen Groß-wetterlage zum Einsatz kamen. Die „ den Polen “ im ersten Artikel der  Wiener Kongressakte vom 9. Juni 1815 5  eingeräumten geistig-kul-turellen  ‚Nationalrechte’   und die in den Artikeln 11 und 12 verfügte 4  Abgedruckt bei Hans-Joachim Schoeps, Preußen. Geschichte eines Staates, 2.  Aufl., Frankfurt/M. u. a. 2001, S. 311–312. 5  Die Polen betreffenden Artikel 1–14 sind abgedruckt bei Johann Ludwig Klüber,  Acten des Wiener Congresses in den Jahren 1814 und 1815, Bd. 6, Osnabrück 1966 (Neudr. d. 2. Aufl., Erlangen 1836), S. 19–25.
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