Fähigkeiten und die 'Bedingung alternativer Möglichkeiten'

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The idea that only those things can happen that actually do happen (determinism) seems to be incompatible with the idea that a person can act or decide otherwise than she actually does („principle of alternative possibilities“). If the principle of

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  Erscheint in:  Allgemeine Zeitschrift für Philosophie  36 (2011), 177-195 1   Fähigkeiten und die „Bedingung alternativer Möglichkeiten“   Jasper Liptow Die Intuition, dass jene Form von Freiheit, die eine Person bei der Ausführung einer Handlung  besitzen muss, um moralisch für diese Handlung verantwortlich sein zu können, 1  mit dem Determinismus unvereinbar ist, entzündet sich vor allem an jenem Aspekt unseres Freiheitsverständnisses, der üblicherweise als „Bedingung alternativer Möglichkeiten“  bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um den Gedanken, dass wir beim Treffen einer Entscheidung oder bei der Ausführung einer Handlung nur dann frei sind, wenn wir auch anders  entscheiden oder handeln können, als wir es tatsächlich tun. Ich werde das kurz so ausdrücken, dass die „Bedingung alternativer Möglichkeiten“ in der These besteht, dass  Anderskönnen  eine notwendige Bedingung für Freiheit ist. 2  Da Entscheidungen und Handlungen Geschehnisse sind, scheint das Anderskönnen zu implizieren, dass etwas geschehen kann , dass tatsächlich nicht   geschieht. Und das wiederum scheint offensichtlich unvereinbar mit dem Gedanken, dass nur   das geschehen kann , was auch tatsächlich  geschieht. Dieser letzte Gedanke aber ist nichts anderes als eine mögliche (wenn auch sehr knappe) Artikulation des Determinismus. Kompatibilistische Freiheitstheorien können sich zweier Strategien bedienen, um auf diesen Anschein der Unvereinbarkeit von Determinismus und Freiheit zu reagieren. Die erste Strategie  besteht darin, die Unvereinbarkeit von Determinismus und Anderskönnen anzuerkennen, aber zu leugnen, dass Anderskönnen eine notwendige Bedingung für Freiheit ist. Für die Frage, ob wir bei dem Treffen einer Entscheidung oder der Ausführung einer Handlung frei sind, sei es unerheblich, so der Gedanke, ob wir auch anders entscheiden oder handeln können, es komme vielmehr darauf an, auf welche Weise diejenige Entscheidung oder Handlung, die tatsächlich stattgefunden hat, zustande gekommen ist. Harry Frankfurt hat diese Strategie, die ich ihm zu Ehren die „frankfurtsche Strategie“ nennen werde, entwickelt und mit ausgeklügelten Gedankenexperimenten zu begründen versucht. 3  Sie galt lange Zeit als der Königsweg des 1  Wenn im Weiteren von Freiheit die Rede ist, dann meine ich immer Freiheit dieser Art. 2  Ich setze den Namen in Anführungsstriche, weil im Folgenden gerade in Frage stehen wird, ob das für Freiheit relevante Anderskönnen eine Form der Möglichkeit ist. 3  Vgl. Harry G. Frankfurt, „Alternate Possibilities and Moral Responsibility“, in:  Journal of  Philosophy  66 (1969), 829-839; Frankfurt selbst spricht nicht von Freiheit, sondern von moralischer  Erscheint in:  Allgemeine Zeitschrift für Philosophie  36 (2011), 177-195 2   Kompatibilismus. Allerdings sind in den letzten Jahrzehnten die Zweifel gewachsen, ob es Frankfurt tatsächlich gelungen ist, Fälle zu präsentieren, in denen wir eine Person für ihr Handeln moralisch verantwortlich machen würden, obwohl sie nicht anders entscheiden und handeln konnte, als sie es tat. 4  Der zweiten Strategie zufolge können wir an der Bedingung alternativer Möglichkeiten festhalten, da Determinismus und Anderskönnen entgegen allem Anschein doch vereinbar sind. Zwar gebe es einen Sinn von „Anderskönnen“, dem zufolge nichts anderes geschehen kann als tatsächlich geschieht, aber der Ausdruck „können“ sei mehrdeutig und es gebe einen anderen   Sinn von „Anderskönnen“, dem zufolge wir selbst dann anders entscheiden und handeln können, als wir es tatsächlich tun, wenn der Determinismus wahr ist. Diese Strategie geht auf G. E. Moore zurück, weshalb ich sie als „mooresche Strategie“ bezeichne. 5  Auch Ansgar Beckermann legt sich in seinem Buch Gehirn, Ich, Freiheit   darauf fest, dass die mooresche Strategie gangbar und Determinismus und Anderskönnen in einem bestimmten Sinn von „können“ vereinbar sind:  Auch in einer deterministischen Welt können wir durchaus die Fähigkeit haben, anders zu handeln oder uns anders zu entscheiden. Und nur das ist eine notwendige Bedingung für die Existenz von Freiheit. 6  Die folgenden Überlegungen gelten der Frage, ob diese These (und letztlich die mooresche Strategie insgesamt) tatsächlich haltbar ist  –   und das Ergebnis ist vorsichtig negativ. Doch eins Verantwortung, und gelegentlich wird seine These daher auch in der „semi - kompatibilistischen“ Form vertreten, dass  zwar   Freiheit, nicht aber    moralische Verantwortung auf „alternativ e Möglichkeiten“ angewiesen und daher mit dem Determinismus unvereinbar sei.   4  In John Martin Fischer, „Frankfurt -Type Examples and Semi- Compatibilism“, in: R. Kane (Hg.), The Oxford Handbook of Free Will  , Oxford 2002, 281-308, 291, wird Ted A. Warfields Einschätzung erwähnt, dass Zweifel dieser Art „increasingly common“ seien.   5  Vgl. G. E. Moore,  Ethics , London 1912, Kap. VI. Im Gegensatz zu der mooreschen Strategie, von einer Mehrdeutigkeit von „können“ auszugehen, erfreut sich Moores spezifische These über den für Freiheit relevanten Sinn von „können“ –    die so genannte „konditionale Analyse“ von „können“ –   heute keiner Beliebtheit mehr. Eine entscheidende Tugend der konditionalen Analyse erwähne ich kurz in Abschnitt IV. 6  Ansgar Beckermann, Gehirn, Ich, Freiheit  , Paderborn 2008, 100. Die mooresche Strategie wird auch verteidigt in Marcus Willaschek, „Möglichkeiten und Fähigkeiten“, in:  Deutsche Zeitschrift für  Philosophie  57 (2009), 141-148. Ich werde auf Willascheks Verteidigung unten zu sprechen kommen.  Erscheint in:  Allgemeine Zeitschrift für Philosophie  36 (2011), 177-195 3   nach dem anderen. Zunächst werde ich Beckermanns These von der Vereinbarkeit von Anderskönnen und Determinismus näher erläutern (I). Ich werde dann dafür argumentieren, dass Beckermanns zentrale Annahme, dass „können“ mehrdeutig ist, korrekt ist, insofern „können“ zum einen als ein „echtes“ Modalverb verwendet werden kann, mit dem die Modalität der Möglichkeit zum Ausdruck gebracht wird, zum anderen als ein Verb, das dazu dient, „generische“ Fähigkeiten zuzuschreiben (II). Da das „können“ der Zuschreibung generischer Fähigkeiten selbst aber offensichtlich ungeeignet ist, den für Freiheit relevanten Sinn von „Anderskönnen“ zu explizieren, wende ich mich dann e iner weiteren Verwendung von „können“ zu, die ich als Zuschreibung „okkasioneller“ Fähigkeiten bezeichne (III). Wenn sich die „Bedingung alternativer Möglichkeiten“ überhaupt kompatibilistisch verstehen lässt, dann mit Bezug auf diesen Sinn von „können“. I ch versuche dann zu zeigen, dass bei näherer Betrachtung begründete Zweifel an diesem Unternehmen und damit auch an Beckermanns These und der zweiten kompatibilistischen Strategie insgesamt angebracht sind (IV). I. Als Determinismus kann man zunächst grob folgende These über die Beschaffenheit der Welt verstehen: (D) Gegeben den Zustand der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt t 1 , legen die  Naturgesetze für jeden anderen Zeitpunkt t n  den Zustand der Welt zu t n  fest. (D) bedürfte fraglos einer genaueren Expli kation: Was genau ist ein „Zustand der Welt“? 7  Was genau sind Naturgesetze? Was bedeutet „festlegen“? Doch auch ohne eine solche Explikation 7  Dass hier Klärungsbedarf erforderlich ist, lässt sich schnell erkennen, wenn man an Donald Davidsons „anomalen Monismus“  denkt. Die These vom anomalen Charakter des Mentalen besagt  ja gerade, dass mentale Ereignisse und Zustände als mentale Zustände und Ereignisse    prinzipiell nicht unter strikte Naturgesetze fallen und also auch nicht zu dem von diesen festgelegten „Zustand der Welt“  gehören. Um das an einem Beispiel zu illustrieren: Nehmen wir an, mir fällt zu t ein, dass ich den Hamster füttern muss. Wenn der  Monismus  wahr ist, dann war dieses mentale Einzelereignis mit einem physikalischen Einzelereignis identisch. Wenn der  Determinismus  wahr ist, dann haben die Naturgesetze festlegt, dass sich zu t ein physikalisches Ereignis der Art ereignen musste, wie es sich ereignet hat. Aber wenn der anomale  Monismus wahr ist, dann können die Naturgesetze nicht   festlegen, dass der Typ von physikalischen Ereignissen, zu dem das Einzelereignis gehört, das sich zu t ereignet hat, mit einem bestimmten Typ von mentalen Ereignissen identisch ist. Die  Naturgesetze könnten also nicht   festlegen, dass ich zu t einen Einfall des Inhalts haben musste, dass  Erscheint in:  Allgemeine Zeitschrift für Philosophie  36 (2011), 177-195 4   kann man deutlich machen, dass und warum der Determinismus mit einem bestimmten Verständnis dessen, was es heißt, anders handeln zu können, unvereinbar ist. Dazu konzentriert man sich am besten auf besonders einfache und grundlegende Fälle von Handlungen und Handlungszuschreibungen. Moralisch verantwortlich sind wir, wenn wir es sind, primär für einzelne unserer Handlungen (und einige von deren Konsequenzen). Freiheit in dem Sinn, der hier interessiert, ist daher zunächst eine Eigenschaft, die Personen bei der Ausführung einzelner Handlungen besitzen oder nicht. Man kann annehmen, dass jede einzelne Handlung mit einem materiellen Einzelereignis, im einfachsten Fall mit einer einzelnen Körperbewegung, identisch ist. Der Einfachheit halber können wir uns auf den einfachsten Fall beschränken, also etwa auf das Heben eines Arms oder das Bewegen eines Fingers. Ich werde Handlungszuschreibungen im Folgenden so schematisieren: P Xt. Wobei das „P“ für einen Ausdruck steht, mit dem man auf eine Person Bezug nehmen kann, und „Xt“ für eine passend flektierte (eventuell komplexe) Verbalphrase wie „hebt seinen Arm“, die auf Tätigkeiten  zutrifft. Nicht jede Ausübung einer Tätigkeit  –   nicht alles, was wir tun  –   ist auch eine Handlung, wie man sich leicht an Beispielen wie dem Schnarchen oder dem Atmen klarmachen kann. Was den Zusammenhang zwischen dem, was wir tun, und unseren Handlungen angeht, werde ich Davidson folgen: Um eine Handlung handelt es sich bei einem Tun  –   im einfachsten Fall: bei einer Körperbewegung  –   genau dann, wenn es eine wahre Beschreibung dieses Ereignisses gibt, unter der es ein absichtliches  Tun einer Person ist (was wiederum heißt, dass es sich durch die Angabe von Gründen, die die Person hat, rationalisieren lässt). Wir können jetzt die „Bedingung alternativer Möglichkeiten“ wie folgt formulieren:   ich den Hamster füttern muss. Mentale Zustände würden daher als solche nicht zu dem von den  Naturgesetzen festgelegte n „Zustand der Welt“  gehören. Ich werde im Folgenden der Einfachheit halber meine Vorliebe für den anomalen Monismus verleugnen und so tun, als würden Entscheidungen und andere mentale Ereignisse auch als solche unter deterministische Naturgesetze fallen.  Erscheint in:  Allgemeine Zeitschrift für Philosophie  36 (2011), 177-195 5   (BAM) P ist bei seinem (absichtlichen) Xen zum Zeitpunkt t nur dann frei, wenn P zu t auch anders handeln kann. 8  Wenn wir uns auf Handlungen beschränken, die mit Körperbewegungen identisch sind, lässt sich der Konflikt zwischen dem Determinismus und der „Bedingung alternativer Möglichkeiten“ leicht auf den Punkt bringen.  Körperbewegungen gehören sicherlich zu der von  Naturgesetzen „beherrschten“ „Welt“, von der in (D) die Rede ist. Zwei „Zustände der Welt“ unterscheiden sich, wenn mein Körper in ihnen eine unterschiedliche Position einnimmt. Betrachten wir zwei unterschie dliche „Zustände der Welt“ zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten: Kurz vor t ist mein Arm gesenkt, kurz nach t ist mein Arm gehoben. Dazwischen, zu t, habe ich (absichtlich) meinen Arm gehoben. (D) impliziert nun, dass die Naturgesetze (gemeinsam mit dem Zustand der Welt vor t) festlegen, dass sich zu t mein Arm hebt. Wir können das so formulieren, dass es nomologisch unmöglich ist, dass ich zu t etwas anderes tue als meinen Arm zu heben. 9   Wenn „Anderskönnen“ das Bestehen einer nomologischen 8   Beckermann bezieht, wie auch ich oben, die „Bedingung alternativer Möglichkeiten“ auf Handlungen und Entscheidungen . Ich hoffe, aus folgendem Grund, auf diesen Zusatz verzichten zu können: Analog zu der Unterscheidung zwischen „prior intentions“ und „intentions in action“ können wir zwei Arten von Entscheidungen unterscheiden: Die Entscheidung, zu Xen, kann erstens ein vom Xen selbst verschiedenes  (mentales) Ereignis sein, das durch Gründe rationalisiert werden kann. Solche „vorgängigen Entscheidungen“ sind dann aber  selbst   (mentale)  Handlungen  und werden von der Formulierung (BAM) erfasst. Die Entscheidung, zu Xen, kann zweitens einfach darin bestehen, absichtlich    zu Xen . (Damit ein Satz wie „P hat sich entschieden, zu Xen“ wahr ist, muss es außer seinem Xen nicht noch ein weiteres, diesem vorgängiges Ereignis gegeben haben, es kann reichen, dass er absichtlich geXt hat.) Solchen „Entscheidungen in Handlungen“ trägt (BAM) trivialerweise ebenfalls Rechnung. 9  Dies ist ein etwas ungewöhnlicher Gebrauch de s Ausdrucks „nomologische Möglichkeit“, da er sich auf das Stattfinden einer Art von Ereignis an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten  Zeitpunkt, gegeben den Zustand der Welt vor diesem Zeitpunkt   bezieht. Üblicherweise dient die Rede von nomologischer Möglichkeit dazu, anzugeben, welche Arten von Ereignissen unter welchen Arten von Bedingungen unabhängig von Zeit und Ort und unter Vernachlässigung eines Großteils des Zustands der Welt   mit den Naturgesetzen vereinbar sind, sodass beliebig viele Dinge, die faktisch nicht der Fall sind, nomologisch möglich sind. „Bedingungen“ sind hier also nicht „Zustände der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt“, sondern sehr spezifische Aspekte oder Ausschnitte von Weltzuständen, wie sie an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten gegeben sein können. (Daher sind auch übliche Wendungen wie „unter den gegebenen Bedingungen“ nicht ohne Weiteres hilfreich, um die für unser Thema entscheidenden Möglichkeiten zu spezifizieren. Umgangssprachlich beziehen sich Wendungen wie diese ebenfalls nur auf Aspekte oder Ausschnitte von Weltzuständen derart, dass diese Bedingungen an verschiedenen Orten und zu
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