“Amnisos in den schriftlichen Quellen: Die Testimonien. Die Geschichte von Amnisos von Homer bis zur Eroberung Kretas durch die Türken. Die Inschriften von Amnisos, in J. Schäfer (ed.), Amnisos, Berlin 1992, 51-127, 287-322, 350-355.

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“Amnisos in den schriftlichen Quellen: Die Testimonien. Die Geschichte von Amnisos von Homer bis zur Eroberung Kretas durch die Türken. Die Inschriften von Amnisos, in J. Schäfer (ed.), Amnisos, Berlin 1992, 51-127, 287-322, 350-355.

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   rigin lver öffentli hung   in:   J.   Schäfer   ed. ,   Amnisos   nach   den   archäologischen,   historischen   und   epigraphischen   Zeugnissen   es   Altertums   und   der   Neuzeit,   Berlin   1992,   350-355   350   VIII.   Zusammenfassung   und   Diskussion   2   Von   den   Dunklen   Jahrhunderten   bis   zum   Ende   der   Kaiserzeit   ca 12.   Jh.   v.Chr.—ca.   3.   Jh.   n.Chr. 2 1   ALLGEMEINES   Die   historische wirtschaftliche   und   politische   Entwicklung   des   Gebietes   von   Amnisos   nach   der   Zeit   der   Linear   B-Tafeln   bleibt   wegen   des   Mangels   aussagekr äftiger   literarischer   Quellen   in   vielen   Punkten   unbekannt.   Wenn   wir   die   spärlichen   Auskünfte   der   Mythographen   und   der   Dichter   über   den   Kult   der   Artemis   Amnisia   sowie   über   den   Ort   Thenai   mit   diesem   Gebiet   verbinden   oder   die   Kontinuität   des   Kultes   in   der   Eileithyiahöhle   feststellen   können,   ist   dies   vor   allem   der.archäologischen   Forschung   und   den   Inschriften   zu   verdanken.   Diese   Dürftigkeit   der   literarischen   Zeugnisse   und   die   Art   ihrer   Information   ist   jedoch   symptomatisch   und   daher   für   die   Rolle   von   Amnisos   in   der   nachmykenischen   Zeit   aussagekräftig:   Sehen   wir   von   seiner   durch   Homer   überlieferten   Rolle   als   knosischer   Hafen   ab,   die   übrigens   in   den   späteren   Quellen   als   ein   überholter   Zustand   beschrieben   wird sprechen   die   meisten   Quellen   nur   von   Kulten;   gerade   diese   Bedeutung   von   Amnisos,   und   zwar   für   die   knosischen   Kulte,   wird   durch   epigraphische   und   archäologische   Funde   bestätigt.   Für   Amnisos   als   Siedlungsplatz   gibt   es   dagegen   für   diese   lange   Periode   weder   ausreichende   archäologische   noch   literarische   oder   inschriftliche   Quellen.   Eine   sehr   allgemeine   und   vage   Vorstellung   über   die   wirtschaftliche   Nutzung   und   Besiedlung   von   Amnisos   kann   nur   durch   indirekte   Zeugnisse   gewonnen   werden nämlich   durch   Rückschlüsse   aus   anderen   Siedlungsplätzen   Kretas   und   aus   den   Verhältnissen   im   Karterosgebiet,   wie   sie   uns   in   byzantinischen,   venezianischen   und   türkischen   Quellen   entgegentre ten Aus   der   Untersuchung   der   antiken   Testimonien   geht   hervor,   daß   Amnisos   im   Altertum   keine   eigene   historische   Entwicklung   aufweist;   das   Gebiet   gehörte   immer   zu   dem   wichtigen   politischen   Zentrum   im   Westen,   Knosos,   und   war   von   ihm   in   jeder   Hinsicht   abhängig.   Dies   gilt   auch   für   alle   späteren   historischen   Perioden,   in   denen   Amnisos/Karteros   von   Herakleion/Chandax/Candia   abhängig   war   und   nur   im   Zusammenhang   mit   der   Geschichte   dieser   Stadt   eine   historische   Rolle   spielte 2 2   AMNISOS   ALS   SIEDLUNGSPLATZ   Abgesehen   von   kleinen   Dörfern   abhängiger   Bauern   dürfte   es   in   historischer   Zeit   in   Amnisos   weder   eine   Polis   noch   eine   ausgedehnte   städtische   Siedlung   gegeben   haben.   Nur   systematische   archäo logische   Forschungen   in   der   Ebene   und   an   den   Hängen   von   Karteros   können   jedoch   zu   einer   konkreteren   Vorstellung   vom   Siedlungswesen   führen.   Außerhalb   des   Areals   A,   des   Heiligtums   des   Zeus   Thenatas und   des   Areals   der   Eileithyiagrotte   ist   vom   ganzen   Gebiet   von   Amnisos   nur   an   einer   einzigen   Stelle   ein   nachminoischer   Fundkomplex   bekannt Er   befindet   sich   im   Areal   F,   Raum   B2   Taf.   131a;   s.   Kap.   III   5.4).   In   diesem   Gelaß   fanden   sich   drei   Pithoi   noch   in   situ   und   das   Fragment   eines   weiteren   Pithos   mit   einem   Relieffries   des   7 Jahrhunderts.   Die   Funktion   dieses   Ensembles   ist   nicht   recht   deutlich.   Dies   ist   neben   dem   Befund   aus   Areal   D   die   einzige   bekannte   Stelle   der   Küstenebene   von   Amnisos,   die   einen   archäologischen   Hinweis   auf   menschliche   Aktivität   in   der   griechisch-römischen   Periode   enthält.   Aus   dem   Aussetzen   von   Indizien   für   eine   nachminoische   Besiedlung   an   allen   übrigen   bisher   archäologisch   untersuchten   Stellen   der   Küstenebene   darf   mit   aller   Vorsicht   der   Schluß   auf   eine   höchstens   punktuelle   Besiedlung    2  A. Chaniotis — J. Schäfer, Von den Dunklen Jahrhunderten bis zum Ende der Kaiserzeit 351 dieser  Zeit gezogen werden. Dieser Schluß wird durch das Fehlen jeglicher schriftlichen Überlieferung gestützt  (Kap. II 4.1.2). Gleichwohl  ist kaum anzunehmen, daß das Gebiet verlassen war. Die Siedlung in der Form eines x umgeben von fruchtbarem Weideland (Kap. II 2) und in der Funktion als Epineion entsprach seit  dem endgültigen Niedergang des endpalastzeitlichen Knosos am Anfang des 12. Jahrhunderts mit  Sicherheit nicht mehr den neuen Gegebenheiten des 12. Jahrhunderts und der Dunklen Jahrhun derte.  Wenn wir für das 12. Jahrhundert auch nicht mit einer Epoche allgemeiner Unsicherheit und materiellen  Niedergangs in Kreta zu rechnen haben, so fehlt es nicht an Zeugnissen für Siedlungsverla gerungen  und Zuwanderungen von außen 44 . Schließlich, wohl erst im späteren Verlauf des 12. Jahr hunderts  und in der subminoischen Phase, ist dann mit der Einwanderung eines starken dorischen Elements  zu rechnen 45 . Der  Umstand, daß in Knosos weder in SM III C noch in den folgenden Jahrhunderten die Besied lung  aufhörte, wirft auch Licht auf die Verhältnisse in Amnisos. Es ist nicht allein die Bewahrung der  Siedlungskontinuität in Knosos, bezeugt durch Grabfunde, sondern auch die Offenheit für Importe  und vor allem keramische Stileinflüsse, die dort in SM III C und in den folgenden Protogeo- metrischen  und Geometrischen Stilphasen spürbar sind 46 . Knosos ist hier sicherlich keine Ausnahme. Auch  die Importfunde aus dem Vorderen Orient und der starke Einfluß orientalischer Werkstätten, z.  B. bei den Bronzefunden der Idahöhle, zeigen, daß für das nördliche Kreta die Seewege ein kulturel ler  Faktor waren 47 . Knosos  besaß wohl kein organisiertes Epineion mehr, aber mit einem Hafenplatz muß gerechnet werden.  Hierfür sind Homers  XU ETIOI   hß v (Tl) ein ernst zu nehmendes Zeugnis. In nautischer Hinsicht  konnte kein Grund vorliegen, den alten minoischen Hafenplatz aufzugeben 48 . Es ist sicher, daß  der Meeresspiegel mehr und mehr stieg (Kap. VII); die Umrißlinie der Küste von Amnisos verlor  im gleichen Maße ihre bewegte Form, sie wurde »linear verschliffen«. Konkrete Aussagen über  die Küstenform dieser Jahrhunderte sind allerdings nicht möglich. Nach wie vor bot der Westteil der  Bucht vor den gefährlichen Nordwestwinden Schutz. Aus antiken und mittelalterlichen Zeugnis sen  geht ferner hervor, daß der natürliche Hafen von Amnisos seine Bedeutung im wesentlichen immer  noch der Tatsache verdankte, daß er gegenüber der Insel Dia liegt, in deren geschützten Ankerplätzen  die vom Norden kommenden Schiffe vor Anker gingen und auf günstigen Wind warteten,  um nach Kreta weiter zu segeln (Kap. II 4.4). Amnisos/Karteros und Dia bildeten also nautisch  und strategisch eine Einheit, und als solche sollten sie auch künftig archäologisch und historisch  untersucht werden. Noch  weit über das 6. Jahrhundert hinaus sollte es dauern, bis als Folge intensivierten Schiffsver kehrs  und veränderter Schiffskonstruktion geschlossene Häfen und künstliche Molen- bzw. Wellenbre cherbauten  in der Ägäis üblich wurden; erst dann erwiesen sich die alten flachen Landeplätze als unpraktisch,  und man bevorzugte Landeplätze mit größerer Meerestiefe 49 . Die Hypothese lautet 44  Kanta, LM HI 325f.; Desborough, LMS 178ff.; ders., GDA  114. 45  Zusammenfassend Coldstream, GGP  339 f. 347  f. 46  Zusammenstellung der Zeugnisse zur Siedlungskontinui tät  in Knosos vom 13.— 11. Jahrhundert bei Kanta, LM III 30; s.  auch Desborough, LMS 179. Für auswärtige Beziehungen Kretas  während der geometrischen Epoche allgemein Cold stream,  GGP 328. Beziehungen nach Zypern und zum Festland im  11. Jahrhundert: s. Desborough, GDA 119. Zu Import und Stileinfluß  aus Anika und Zypern während des 10. Jahrhunderts s.  ebenda 237. 47  Zu Bronzefunden, vor allem der Idahöhle, s. zuletzt umfas send  F. Canciani, Bronzi orientali ed orientalizzanti di Greta (1970).  Frühe Funde der Idahöhle: s. zuletzt I. Sakellarakis, Ker- nos  1, 1988,  207 ff.  mit älterer Literatur. 48  Vgl. R.W. Hutchinson, Prehistoric Grete (1962) 100 mit Bezug  auf J. Holland Rose, The Mediterranean in the Ancient World  (1924): »... Note that earlv traffic avoided narrow inlets like  the Piraeus for fear of being cüt off; and he points the moral  by quoting how the Laestrygonian wreckers had trapped Odysscus companions, whereas the hero himself, who had tied up  at the entrance, escaped«. 49  O. Höckmann, Antike Seefahrt (1985) 147 (zusammenfas send).  — Vgl. auch J. Schäfer, Zur Erforschung antiker Hafen anlagen  in: Melanges A.F. Mansel (1974) 663ff. 668f.; frühe Wellenbrecher,  s. K. Lehmann-Hartleben, Die antiken Hafenan lagen  des Mittelmeeres; 14. Beih. Klio (1923) 50ff.  352 VIII.  Zusammenfassung und Diskussion somit:  Amnisos war noch bis zur Anlage eines geschlossenen Hafens in Herakleion, vermutlich in  der spätklassischen Zeit, wahrscheinlich in Zusammenhang mit der wachsenden Bedrohung von Knosos  durch seine östlichen Nachbarn, ein wichtiger Hafenplatz von Knosos (Kap. II 4.1.2). Unabhängig  von der Funktion als Hafenplatz ist die Rolle von Amnisos, d. h. des unteren Karteros tales  und der Küstenebene, als landwirtschaftlich nutzbare Region: Konstanten sind der Wasserreich tum  durch die ganze Antike nicht weniger als der flache Grund, der bereits in der minoischen Zeit  die Schafzucht begünstigt hatte. Obgleich keine Zeugnisse über die landwirtschaftliche Nutzung des  Karterostales nach der Bronzezeit bis ins 14. Jahrhundert n.Chr. vorliegen, lassen manche Überein stimmungen  zwischen den Linear B-Tafeln und den venezianischen und türkischen Dokumenten (Kap.  II 4.3.4), z. B. über die Flachsproduktion und die Viehzucht, vermuten, daß im Altertum Amni sos  eine ähnliche wirtschaftliche Rolle gespielt hat. Aufgrund der früheren und späteren Zeugnisse kann  man mithin die wirtschaftliche Bedeutung des Gebietes in der Zwischenzeit annähernd rekon struieren.  Der Acker- und vor allem der Gartenbau wurden durch das Vorhandensein eines bis ins  vergangene Jahrhundert hinein wasserreichen Flusses (Kap. II 4.3.4) gewährleistet, für die Vieh zucht  bot sich günstiges Weideland. Das  Bild verstreuter Gutshöfe oder kleinster dörflicher Ansiedlungen, welche dieses Gebiet in der  venezianischen Epoche nachweislich vom 14. bis zum 17. Jahrhundert — damals als Umland von  Candia - bot (Kap. II 4.3.3), darf wohl auch auf das Amnisos der nachminoischen Antike und  sein Verhältnis zu Knosos übertragen werden. Es sollte auch mit einer ergiebigen Fischerei gerechnet  werden, die sich im Bereich der Flußmündung befand. Die mittelalterlichen Salinen (T48) hatten  möglicherweise Vorläufer. Die zweite Hypothese: Das Gebiet von Amnisos war in dieser Zeit  mit vorwiegend landwirtschaftlichen Streusiedlungen besetzt (Kap. II 4.1.2). 2.3  DIE KULTE VON AMNISOS 2.3.1  GOTTHEITEN DER FRUCHTBARKEIT Am  besten werden wir über die antiken Kulte unterrichtet, da in diesem Punkt die Archäologie und  die Epigraphik die Auskünfte der literarischen Überlieferung wesentlich ergänzen konnten. Eileithyia,  deren Kult bereits spätestens seit der Zeit der Linear B-Tafeln bestand, wurde kontinuier lich  bis in die Kaiserzeit hinein verehrt (Kap. II 4.1.3.1). Allerdings bleiben offene Fragen über die  Anfänge des Kultes in der Eileithyiahöhle, die Natur des vorgriechischen Kultes und die Beziehun gen  zwischen diesem Kultort und dem Heiligtum des Zeus Thenatas bei Paliochora, die zu systemati schen  archäologischen Untersuchungen herausfordern (vgl. Kap. I 6). Neben Eileithyia tritt in histori scher  Zeit eine weitere, ihr verwandte Gottheit: Artemis, Göttin der Geburt, Beschützerin aller jungen  Wesen, wahrscheinlich auch Beschützerin des Hafens. Ihr Kult, bisher nur durch literarische Testimonien  bezeugt, vollzog sich im Zusammenhang mit jenem ihrer Gefährtinnen, der Nymphen Amnisides,  außerdem in enger Verbindung mit der Rolle des Flusses für Reinigungsriten der Jung frauen  und der Wöchnerinnen (Kap. II 4.1.3.1). 2.3.2  ZEUS THENATAS Die  archäologischen Zeugnisse Die  größte Bedeutung gewann in der dorischen Zeit der Kult des Zeus, der mit dem Beinamen Thenatas  spätestens seit dem 8. Jahrhundert in Amnisos verehrt wurde. Sein Kultplatz ist inschriftlich und  archäologisch im Areal D nachgewiesen (Kap. III 4). Das früheste Zeugnis ist ein offener Ascheal-  2  A. Chaniotis — J. Schäfer, Von den Dunklen Jahrhunderten bis zum Ende der Kaiserzeit 353 tar,  der durch verbrannte Votive frühestens in das 9. Jahrhundert gesetzt werden muß. Er diente, vermutlich  ohne Unterbrechung, bis in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts als Opferstätte. Eingriffe in  die minoische Architektur in Form von Umgestaltung und Reparaturen sind erst in hellenistischer Zeit  erfolgt. Die wesentlichste noch erkennbare Umgestaltung des Areals war die Anlage der beiden Treppen  in der minoischen Nordsüdwand und die Errichtung einer Quadermauer auf dem minoischen Mauerabschnitt  südlich der Haupttreppe. Diese Umgestaltung ist durch eine in die Zeit zwischen ca.  110 und 70 v.Chr. datierbare Serie von Inschriften gegeben, aus denen hervorgeht, daß die knosischen  Eponymen für das jährliche Opfer an Zeus Thenatas verantwortlich waren (Kap. V 2.3 und  4). Die Quadern, auf denen sie aufgezeichnet sind, gehören baulich zu der genannten Umgestal tung,  vor allem aber bezeugen sie eine letzte Blüte und vermutlich Neuorganisation des Kultes. Der  hellenistische Umbau wird hypothetisch mit diesen Vorgängen in Verbindung gebracht. Da die  aschige Erde des Brandaltars die unteren Stufen der Treppenanlage überdeckte, kann seine Funk tion  für den späten Hellenismus als gesichert gelten. Erheblich früher anzusetzen ist eine Quaderarchi tektur;  Teile dieser Anlage, nach dem Stil der Profile aus der Zeit um 500, wurden als Spolien für  den hellenistischen Umbau verwendet. Wahrscheinlich befand sich dieser Bau in unmittelbarer Nähe  der ausgegrabenen Reste des Areals D. Aus denselben Jahrzehnten wie diese spätarchaische Anlage  stammen die beiden überlebensgroßen Adler (Kap. IV 5.9), die ebenfalls im Bereich der großen  Nord-Südmauer gefunden wurden. So darf angenommen werden, daß um 500 eine — viel leicht  die erste — architektonische Ausgestaltung des Kultplatzes stattgefunden hat. Da  die kleinen Votive nach Art und Zahl keinen Schluß auf den Inhaber des Kultes zulassen, sind  die beiden spätarchaischen Adler und die Inschriften hellenistischer Zeit, die als einzigen Gott den  Zeus Thenatas nennen, die sicheren Zeugen für den Zeuskult. Das Epitheton des Gottes leitet sich  vom Ort Thenai ab, wo die mythologische Überlieferung eine Episode der Zeusgeburt lokali sierte:  Thenai, bei Knosos, sei der Ort, wo die Nabelschnur des neugeborenen Gottes zu Erde gefallen  sei, als er zur Idäischen Grotte gebracht wurde (Kap. II 4.1.3.2). Eis liegt daher nahe, die literarischen  Nachrichten mit den archäologischen und epigraphischen Befunden in Verbindung zu bringen. Das  Problem der Orts- und Kultkontinuität Rein  archäologisch liegt zwischen der minoischen Architektur und ihrer Nutzung einerseits und den  frühesten nach minoischen Zeugnissen ein Zeitraum von 200 —300 Jahren. Außerdem fehlen der  minoischen Architektur im Areal D jegliche Züge einer besonderen sakralen Bestimmung. Auch fehlt  es an einer aussagefähigen Zahl spezifischer minoischer Funde, die eine Beziehung zu kultischen Verrichtungen  erkennen lassen. Erst recht sind bisher nirgends Spuren von bronzezeitlichen Brand opfern  beobachtet worden. Die hellenistische Treppenanlage als eine in direkter kultischer Kontinuität mit  der minoischen Anlage stehende »Schautreppe« zu erklären, wie dies jüngst versucht worden ist,  muß aus dem angeführten Grund nicht nachweisbarer kultischer Ortskontinuität in Frage gestellt werden 50 .  Aber auch als eine Anlage, die ortsübergreifend an minoische Kultbräuche anknüpft, kann  sie schwerlich gelten. Denn einmal stammt sie erst aus späthellenistischer Zeit, zum zweiten kann  die nach ihrer Lage als funktionell gleichartig anzusehende Südtreppe aufgrund ihrer geringfügi gen  Breite nicht als Schautreppe gelten. Auf  ganz anderem Wege läßt sich hingegen zeigen, daß der Kult des Zeus Thenatas eine vordorische Wurzel  hat, unabhängig von einer lokalen Gebundenheit an den Westhang des Paliochorahügels (Kap.  II 4.1.3.2). Dafür spricht zum einen das von einem kretischen Ortsnamen abgeleitete FIpitheton des  Gottes, zweitens die Lage des Heiligtums, das — anders als die Kultorte der von den Doriern eingeführten  Gottheiten — an einem vom städtischen Zentrum weit entfernten Ort liegt. Schließlich 511  [•:. Thomas, Rd ,\ 8, 1984, 37.40.  354 VIII.  Zusammenfassung und Diskussion ergibt  sich aus den literarischen Quellen und parallelen kretischen Zeuskulten, daß Zeus Thenatas den  jedes Jahr sterbenden und jedes Jahr neugeborenen Gott repräsentierte, der den Jahreszyklus personifizierte  und die Naturkräfte beschützte. Das minoische Erbgut in diesem Kult bleibt evident, auch  wenn griechische (achäische und dorische) Traditionen in diesen einflössen. Es  bleibt die Frage, warum dieser alte, vordorische Kult gerade an dieser Stelle, am Westhang des  Paliochorahügels eingerichtet wurde. Ausreichender Anlaß war gewiß die Ehrfurcht gebietende alte  Ruine allein nicht, auch wenn es außer Zweifel stehen darf, daß sie einen willkommenen architek tonischen  Rahmen für die Einrichtung eines Kultes bot; weitere Grabungen könnten vielleicht zeigen, daß  bereits in der Frühzeit des Zeuskultes (9. Jahrhundert) das dort liegende Baumaterial für eine kultische  Anlage verwendet wurde. Weiterhin wird die Nutzung von Amnisos als Landeplatz während der  Dunklen Jahrhunderte und die aus homerischer Zeit bezeugte Verbindung zu Knosos zur Wahl des  Ortes beigetragen haben. Die Einrichtung eines Kultplatzes unmittelbar am Meer, weit unterhalb der  Kulthöhle der Eileithyia, in enger Verbindung mit einem Hafenplatz erscheint keineswegs abwe gig.  Die Erinnerung an eine bereits legendäre Vergangenheit mag dabei eine Rolle gespielt haben -  es liegt dies durchaus in der Denkungsart der geometrischen Epoche. Beachtenswert ist in diesem  Zusammenhang - und vorerst nicht näher erklärbar — eine möglicherweise auf der gleichen historischen  Ebene stehende Abfolge in Kommos 51 : Auf dem zentralen Hafengebäude , dessen Teil  »T«, steht die früheste nachminoische Struktur: der Tempel A. Er gehört in die protogeometri- sche  Stilepoche und wird um 925 datiert. Der minoische Bau wurde noch in der Phase SM III B verlassen.  Als die protogeometrische Kultstätte errichtet wurde, ragten die Ruinen der alten Zeit noch  aus dem Oberflächenniveau, und ihr Quaderwerk wurde z.T. wieder verwendet. Auch hier herrschte  sodann über mehrere Jahrhunderte ein lebendiger Kult. Eine  fast fundleere Sandschicht legte sich über den zuletzt in der späthellenistischen Periode ausge bauten  Bestand. Sie bedeckt auch die Aschenreste und reicht mindestens z.T. bis an die heute erhaltene Oberkante  der minoischen Nordsüdwand. In diese Sandschicht sind westlich dieser Wand die spätesten Bauten  des Areals eingesetzt. Keramische Funde, die im Zusammenhang mit diesen Resten gemacht wurden,  datierten diese Reste mindestens z.T. in das 1. Jahrhundert n.Chr. Frühestens im Laufe des  späten 2. Jahrhunderts n.Chr. scheint die Benutzung des Areals — nach den spätesten datierbaren Funden  zu urteilen — geendet zu haben. Eine Beziehung zum Kult scheint bei dieser kaiserzeitlichen Bebauung  nicht mehr vorzuliegen; die Funktion dieser jüngsten Bauten des Altertums aus dem Gebiet  von Amnisos/Karteros ist noch unbekannt. A.  CHANIOTIS   J. SCHäFER 3  Amnisos als ein Problem der historischen Geographie Die  historische Entwicklung von Amnisos von Homer bis zum Ende der Antike wurde hier an  erster Stelle als ein Problem der historischen Geographie betrachtet. Da es galt, nach Veränderungen und  Konstanten zu suchen, mußte sich unsere Untersuchung bei einer möglichst weitgespannten zeitlichen  Perspektive auf die Zeugnisse der byzantinischen, der venezianischen und der türkischen Zeit  erstrecken (Kap. II 4.2 — 4. III 8.4 — 6. IV 7). So stellte sich die methodologische Frage, inwieweit diese  letzteren Quellen für Probleme der historischen Geographie des Altertums ausgewertet werden können.  Aus dieser Untersuchung ergaben sich eine Reihe von Konstanten, denen man in der Geschichte  von Amnisos/Karteros von der Antike bis zur Türkenherrschaft stets begegnet: Dieses Gebiet  war immer vom großen politischen Zentrum westlich des Flusses (Knosos, Chandax/Candia) 51  J.VC. Shaw, Hesperia 51, 1982, 185ff.
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