ã „‚El libro encadenado‘: Eine Sammelhandschrift naturphilosophischer Schriften von Jean Buridan“ (Ms. Buenos Aires, Biblioteca Nacional 342R)“, in: Vivarium 39/1 (2001), pp. 52–86

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• „‚El libro encadenado‘: Eine Sammelhandschrift naturphilosophischer Schriften von Jean Buridan“ (Ms. Buenos Aires, Biblioteca Nacional 342R)“, in: Vivarium 39/1 (2001), pp. 52–86

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   „El libro encadenado“: Eine Sammelhandschrift naturphilosophischer Schriften von Jean Buridan(Ms. Buenos Aires, Biblioteca Nacional 342R) * DANIEL ANTONIO DI LISCIA Es ist seit langem gut bekannt, welche herausragende Stellung die Gestaltdes Buridan in der spätmittelalterlichen Philosophie einnimmt. Jedoch,und trotz der vielen verdienten Untersuchungen, ist man in der Forschung zu keinem endgültigen Urteil über den Kanon seiner Werke gekommen. 1 Berücksichtigt man die umfangreiche Untersuchung von Michael, einunerläßliches und überaus hilfreiches bio-bibliographisches Werkzeug für jede weitere Forschung, stellt man nicht nur fest, wieviel bisher erforschtwurde, sondern auch wieviel es noch zu tun gibt. Der Hauptgrund dafürbesteht sicherlich in nichts anderem als in der Komplexität der Sacheselbst: Buridan hat zahlreiche Schriften hinterlassen, zudem in unterschied-lichen Fassungen, von denen meistens viele Abschriften existieren. Beziehtman ferner den Ein 󰃨 uß Buridans auf die Schulphilosophie des 14., 15.und sogar des 16. Jahrhunderts mit ein, ergibt sich das äußerst vielfäl-tige Bild einer Überlieferung, deren Verworrenheit nur langam aufgelöstwerden kann. 2 Während die Schriften von Buridan eingeordnet, ediert, übersetzt undausgelegt werden, und die Buridanforschung mit fast jedem neuen Beitrag  ©Koninklijke Brill NV, Leiden, 2001 Vivarium 39,1 *Die folgende Untersuchung wurde durch die großzügige Unterstützung der Fundación Antorchas  ermöglicht. Die aus Ms. 342R zitierten Stellen (Incipit, Explicit, tabulae quaestio-num , einzelne Stellen usw.) wurden in der Regel im Text so zitiert, wie ich sie im Ms.342R lese. Gelegentlich wurden sie verbessert oder einige Varianten aus einer anderenHandschrift, aus Michael II oder aus Ch. Lohr oder anderen Quellen mit einer Fußnoteangegeben. In diesem Fall wird das Wort unten mit der Klammer „]“ aufgenommen undkommentiert. Zwischen „< >“ sind einige Worte eingefügt worden. Um der Übersichtlichkeitwillen wurde dies für den Fall der Physik  nicht in Fußnoten sondern im Text gemacht.„ Incipit  “ und „ Explicit  “ beziehen sich jeweils auf einen Text, „Anfang“ und „Ende“ auf Bücher bzw. Kapitel eines Textes. 1 Faral 1946, Lohr 1970 und 1972, Michalski 1971, Michael 1985. 2 Für eine allgemeine Darstellung der Überlieferung Buridans wie auch für weiterebibliographische Hinweise siehe Michael I, 259-398.  „ el libro encadenado “ 53einen stärkeren „impetus“ gewinnt, scheint es nichtsdestoweniger sinnvollzu sein, die Suche nach unbekannten Textzeugen fortzuführen und jedesStück so genau wie möglich zu untersuchen.In dem hier vorgelegten Beitrag soll über einen bedeutsamen Buridan-Fundus berichtet werden. Es handelt sich um einen der wenigen mit-telalterlichen Codices, die in der  Biblioteca Nacional   von Buenos Aires aufbewahrt werden, und auf den ich mich im folgenden mit seiner Signaturals  Bs. As. BN 342R  (bzw. nur Ms. oder Hs. 342R) oder gelegentlich nachseiner im Bereich der Bibliothek umgangssprachlichen Kennzeichnung als„el libro encadenado“ (das verkettete Buch) beziehen werde. Die HandschriftBs. As. BN 342R, „el libro encadenado“, enthält in der Tat eine Samm-lung von Buridans Kommentaren zur Naturphilosophie des Aristoteles.Hauptabsicht dieser Arbeit ist es, der Wissenschaftsgemeinschaft eine ersteund allgemeine Beschreibung dieser bisher nicht bekannten Handschriftzu liefern. Soweit es mir möglich ist, werde ich zudem versuchen, einigeInformationen über den Codex zu vermitteln und die in ihm enthalte-nen Texte dem heutigen Forschungsstand entsprechend einzuordnen.Weitere Untersuchungen werden die vorliegende Arbeit erweitern bzw. verbessern.1. Zu dem Codex  Es scheint festzustehen, daß Ms. 342R in Frankreich erworben wurde.Nach Argentinien, wo es vermutlich die letzten fünfzig Jahre unbeachtetin der  Biblioteca Nacional   verbrachte, kam es als Geschenk des damaligenargentinischen Cónsul General  in Frankreich, Fernando Maine, an dendamaligen Presidente de la Nación , Juan Domingo Perón. 3  Jedenfalls ist „Ellibro encadenado“ in die  Biblioteca Nacional  4 im Jahre 1949 durch DecretoLey N°8124/57 (1903) eingegangen, und es ist—soviel ich weiß—in derBuridanforschung bis heute unbeachtet geblieben. 5 3 Der Codex wird seitdem in einer schwarz/bordeaux farbenen Schachtel aufbewahrt,auf der sich die folgende Widmung lesen läßt: „Al excelentísimo Seor Presidente de laNación, General Don Juan D. Perón. Fernando Maine. Cónsul General en Francia. París,1°de enero de 1949“. Weder in Piccirilli 1953-54 noch in Cutolo 1968-85 sind weitere Angaben zu Maine zu 󰃩 nden. Zur damaligen politischen Lage in Argentinien siehe Rock1987 (Kap. VII: „The Apogee of Perón, 1946-1955“, 262-306). 4 Über die  Biblioteca Nacional  berichtet kurz Sabor 1968. 5 Die Information im Karteikarten-Katalog der Biblioteca Nacional lautet: „Buridan, Jean...342R. Philosophie naturelle. Manuscrito srcinal del siglo XIV, tapas de maderarecubiertas con piel de gamuza, clavo de cobre y cadena con argolla de hierro. Contiene  54  daniel antonio di liscia  Auch wenn eine genauere materielle Beschreibung immer noch aus-steht, können hier dennoch einige provisorische Informationen gegebenwerden. Hs. BN 342R hat eine Eisenkette von fünf Ringen, die—auchwenn sie die Handschrift nicht an ihre ursprüngliche Bibliothek festzu-ketten vermochte—mindestens für ihren argentinischen „Spitznamen“ ent-scheidend war. 6 „El libro encadenado“ besteht aus in zwei Spalten in bastarda  beschriebenen 239 Folien (290 mm ´ 220 mm). Je nach Handgibt es etwa zwischen 48 und 53 Zeilen pro Spalte. Der Text beginntauf fol. 1r a mit dem Incipit  des Physikkommentars und bricht auf fol. 239r b mitten im Kommentar zu  De caelo ab. Als Beschreibsto V  diente Papier. Auf der Innenseite des Buchdeckels sind Fragmente einer lateinischenGrammatik erkennbar. Auf dem Rücken des Codex läßt sich mit Schwierig-keit die Signatur 342R lesen. 7 Mehrere verschiedene Hände können unterschieden werden. 8 Kein Besitzvermerk ist erkennbar und nirgendwo 󰃩 ndet man Kopistennamen, Hinweise über die Frühgeschichte bzw. En-stehungsumstände, Zweck usw. der Handschrift. Wie auch im Falle anderer Buridan-Handschriften handelt es sich hier mit großer Wahrschein-lichkeit um eine Universitätshandschrift aus den ersten Dekaden des 15.oder vielleicht vom Ende des 14. Jahrhunderts. 9 Nur an einer Stelle der quaestiones physicorum lesen wir in dem explicit  des zweiten Buches: „ explici-unt questiones secundi libri physicorum reverendi magistri Buridani sub anno domini  la mayor parte de la obra 󰃩 losó 󰃩 ca de Buridán, célebre escolástico francés. Con estuche.Muy valioso. Ingresó por Decreto-ley 8124/57. (N°1903).“ Diese Angaben ließen sichdem Katalog entnehmen; die allgemeine Bescha V  enheit des Codex konnte ich in situ  — aber leider nur in Eile—untersuchen. Ich möchte mich an dieser Stelle bei Prof. C. F.Bertelloni (Universität Buenos Aires) herzlich für den Mikro 󰃩 lm bedanken, auf dem diehier vorgelegte Untersuchung basiert. 6 Wenn auch nicht die Regel bei den Buridan-Handschriften, so bilden doch verketteteBücher ( libri catenati   ) ein bekanntes Kapitel des Bibliotheks- und Buchwesens, das sich überdas Mittelalter hinweg erstreckt (dazu siehe Blades 1852, 3-81; Peeters 1958). 7 Seitens der Bibliothek wurde mir mitgeteilt, daß 342R die „alte Signatur“ von „ElEncadenado“ sei; es ist jedoch bisher nicht zu klären, ob diese Signatur eine eigene Signaturder  Biblioteca Nacional  in Buenos Aires ist oder nicht. Um Mißverständnisse zu vermeiden,schlage ich vor, die Kennzeichnung 342R („alte“ Signatur) für „El Encadenado“ aufrecht-zuerhalten. 8  Aufgrund von Verzerrungen im Mikro 󰃩 lm lassen sich die verschiedenen Hände lei-der nicht genau bestimmen. Provisorisch kann man mindestens festlegen: H 1 = 1r a -78v a (hierunter lassen sich jedoch noch 3 Hände vermuten); H 2 = 79r a -89v b ; H 3 = 90r a -127v a ;H 4 = 130r a -144r a ; H 5 = 144r b -153r a (d.h. mit Handänderung auf dem gleichen f. 144r);H 6 = 154r a -199v a ; H 7 = 199v b -239v b . Die Fragmente und Schemata auf fol. 153v stam-men möglicherweise auch von H 4 . 9 H 7 scheint jedoch recht spät zu sein.  „ el libro encadenado “ 55 millesimo “ (fol. 40r a  ); aber der Schreiber hat nicht weiter geschrieben. Nacheiner etwa dreizeiligen Lücke beginnt er erneut mit der tabula quaestionum des dritten Buches. 10 In „el libro encadenado“ kommen keine Illustrationenbzw. geometrischen Darstellungen weder im Text noch am Rande vor.Die Randbemerkungen, die im allgemeinen inhaltlich irrelevant sind,beschränken sich auf die Gliederung bzw. lemmata  oder maniculae  . Schließlichsei bemerkt, daß Ms. 342R eine spätere—und eigenartige—Folierung mitBleistift (möglicherweise schon des 20. Jahrhunderts) aufzeigt: die Foliensind oben rechts mit römischen Zi V  ern bis fol. LXXVIIII (= 79) num-eriert. Fol. 80 wird nicht mit LXXX sondern mit IIII xx numeriert, wasnämlich „vier mal zwanzig“ bedeuten soll. 11 Um der Übersichtlichkeit willen, werde ich zwischen [ ] die srcinale Foliennumerierung derHandschrift (aber mit Ergänzung von ‘r’ ( recto  ) und ‘v’ ( verso  ) für die Folienund hochgestellte ‘a’ und ‘b’ für jeweils die linke und die rechte Spalte)nur einmal in der allgemeinen inhaltlichen Beschreibung mit angeben;ansonsten werde ich sie aus praktischen Gründen weglassen und michimmer auf die Umwandlung in arabische Zi V  ern beziehen.2.  Allgemeine inhaltliche Beschreibung  Ms. Buenos Aires, Biblioteca Nacional 342R („El libro encadenado“) ent-hält Buridans Kommentare zur aristotelischen Physik  ( quaestiones   ), zu  De  generatione et corruptione ( quaestiones   ), zu  De anima  ( expositio und quaestiones   ), zuden Parva naturalia  ( quaestiones   ) und zum Traktat  De caelo ( expositio  ): 10 Eine Datierung durch Wasserzeichen (d.h. auch innerhalb der Grenzen der Wasser-zeichendatierung) ist sicherlich möglich, denn es sind sogar im Mikro 󰃩 lm drei verschie-dene gut erkennbar: f. 78v; 92r; 142r. Dafür ist eine weitere Untersuchung de visu derHandschrift erforderlich. 11 Diese Numerierungsmethode wird allgemein in dem ganzen Codex verwendet: so daßbeispielsweise 87 als IIII xx VII (= [4·20]+7), 90 als IIII xx X (= [4·20]+10) usw. erscheint.Fol. 100 wird mit C numeriert und 110 mit CX (auch 111 = CXI; 112 = CXII, usw.).Dann wird wieder multipliziert: fol. VI xx = 120 (= 6·20) und nochmal multipliziert undaddiert: 121 = VI xx I (=[6·20]+1). Ich kenne keine andere Handschrift mit dieser Num-merierungsweise, aber mir scheint dies ein Hinweis darauf zu sein, daß Ms. 342R voneiner späteren französischen Hand numeriert wurde, da eben diese Zählweise in der heu-tigen französischen Sprache für die Zahl 80 („quatre-vingt“) noch erkennbar ist. Seltsamerist es jedoch mit der Zahl 120 (als 6·20), bei der keine Ähnlichkeit mit der französischenSprache besteht. Daß Ms. 342R diese Folierung hat und von dem in Frankreich tätigen Cónsul General  (vielleicht in Frankreich) erworben wurde, heißt natürlich nicht, daß es inParis geschrieben wurde und es ein Vertreter der Pariser Texttradition von BuridansSchriften ist (siehe dazu unten S. 61-2).  56  daniel antonio di liscia 1)  V  . 1r a -127v a : Quaestiones super octo libros Physicorum Aristotelis  [Ir a -VI xx VIIv a  ] –   V  . 64v, 91v-94v und 128r-129v: leer2) V  . 130r a -153r a : Quaestiones super duos libros De generatione et corruptione Aristotelis [VI xx Xr a -VII xx XIIIr a  ] –f. 153v: Fragment mit Schemata von den fünf Sinnen [VII xx XIIIv]3)  V  . 154r a -167v b : Expositio in tres libros De anima Aristotelis [VII xx XIVr a -VIII xx VIIv b  ] –f. 168r: leer4)  V  . 168v a -188r b : Quaestiones super tres libros De anima Aristotelis [VIII xx VIIIv a -IX xx VIIIr b  ] –   V  .188v-189v: leer5)  V  . 190r a -220r a : Quaestiones super libros Parva naturalia Aristotelis [IX xx Xr a -CCXXr a  ]:5.1.)  V  . 190r a -200v b :  De sensu et sensato 5.2.)  V  . 201r a -203r a :  De memoria et reminiscencia  5.3.)  V  . 203r a -208r a :  De somno et vigilia  5.4.)  V  . 208r a -211r b :  De longitudine et brevitate vitae  5.5.)  V  . 211r b -218v b :  De morte et vita  5.6.)  V  . 218v b -220r a :  De iuventute et senectute  6)  V  . 220v a -239v b : Expositio in quattuor libros De caelo et mundo Aristotelis [CCXXv a -XI xx XIXv b  ] 3. Zu den einzelnen Texten 3.1. Quaestiones super octo libros Physicorum (   V   . 1r  a  -127v  a   ) Wie bekannt hat Buridan mehrfach über die Physik  des Aristoteles gele-sen und fanden seine physikalischen Ideen große Verbreitung in vieleneuropäischen Universitäten.Die Forschung hat bislang mindestens sechs verschiedene Physikkom-mentare von Buridan angenommen: 3 quaestiones  , 2 expositiones  und 1 dicta. 12 Unter den quaestiones  (die hier eigentlich interessieren) sind die quaestiones breves  (auch genannt quaestiones accurtatae   ) 13  von den quaestiones longae zuunterscheiden. Unter diesen quaestiones longae  ist wiederum zweierlei zuunterscheiden, und zwar zwischen (a) denjenigen quaestionessecundum ulti-mam lecturam , die in Paris 1509 (hier = e   ) gedruckt wurden—welche eine ordinatio des Verfassers sind—und (b) anderen quaestiones  , die nur als eine reportatio überliefert werden. Ms. Bs. As. BN 342R enthält (a), d.h. die ultima lectura  : 12 Hierbei folge ich Thijssen 1991, xii-xx. Zu den einzelnen Handschriften undEinordnungsproblemen siehe Michael II, 560-616. Siehe auch Lohr 1970, 167-9. Die dicta  sind Exzerpte, die höchtswahrscheinlich nicht unmittelbar von Buridan selbst stammen. 13 Im Einklang mit einigen Handschriften schlägt Thijssen (1991, xvii) hierfür die Kenn-zeichnung „quaestiones accurtatae  “ vor. Ausführlicher dazu siehe Thijssen 1985 (a).
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