Informalisierung und Arbeitskämpfe in Indien. Eine zeithistorische Perspektive auf die Gegenwart

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  353 WSI MITTEILUNGEN 5 / 2014 AUFSÄTZE Informalisierung und Arbeitskämpfe in Indien. Eine zeithistorische Perspek tive auf die Gegenwart Die Arbeitskämpfe Indiens werden – trotz ihrer langen Tradition – in Europa selten wahrgenommen. Dies mag in der Annahme einer unüberbrückbaren kulturellen und historischen Andersartigkeit begründet sein. Die Konsequenzen der im Folgenden dargestellten fortschreitenden „Informalisierung“ von Arbeitsverhältnissen für die Dynamik von Arbeitskämpfen weisen jedoch deutlich über den indischen Fall hinaus. „Familienähnlichkeiten“ mit zeitgenössischen Prozessen in anderen, auch europäischen Teilen der Welt, sind unübersehbar. RAVI AHUJA 1. Europäische Gewerkscha󐀀en und indische Arbeitswelt Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist das internationale Interesse bundesdeutscher Gewerkscha󐀀en fast ausschließ- lich auf die nordatlantische Weltregion beschränkt geblie-ben. Arbeitswelt, Arbeitskonflikte und Gewerkscha󐀀en in Afrika, Asien oder Lateinamerika wurden hierzulande in der Regel nur im Rahmen entwicklungspolitischer Bestre-bungen etwa zur „Professionalisierung“ von „Dritte-Welt-Gewerkscha󐀀en“ und zur Eindämmung kommunistischen Einflusses thematisiert. Kommunikation und koordiniertes Handeln auf gleicher Augenhöhe erschien aufgrund der  vorherrschenden modernisierungstheoretischen Prämissen als wenig dringlich: In der Gegenwart Europas wurde die Zukun󐀀 der „Dritten Welt“ gesehen; langfristig wurde mit einer Ausdehnung des Wohlfahrtsstaates und von Struktu- ren innerbetrieblicher Demokratie nach europäischem Vor- bild gerechnet. Wenn indische Arbeiter folglich in einer anderen Zeit lebten als ihre deutschen Kollegen, so gab es wenig Grundlagen für gemeinsames Handeln: Europäische Gewerkscha󐀀en mussten nur in ihren eigenen Ländern neue Standards setzen, der Rest der Welt würde – so die gängige Einschätzung – schon nachfolgen. Die realgeschichtlichen Prozesse lassen den ideologi- schen Charakter dieser modernisierungstheoretischen An- nahmen heute klarer hervortreten: (1) Die wohlfahrtsstaatliche Regulierung der Arbeitswelt erweist sich als begrenztes, differenziertes, nur relativ sta- biles, bisweilen sogar umkehrbares Phänomen. Dass sie quasi ein gesetztes Ziel universalgeschichtlicher Entwick- lung sei, das in Europa nur schneller erreicht werde als anderswo, hat sich nicht bestätigt. (2) Die zunehmende globale Verflechtung von Produkti- onsprozessen unterstreicht, dass etwa deutsche und indische Lohnabhängige durchaus in derselben Zeit leben. Sie kon- kurrieren nicht nur miteinander (Produktionsverlagerung), sondern sind auch ähnlichen Regulierungsdynamiken (Informalisierung) ausgesetzt (Mayer-Ahuja 2013).(3) Zunehmende Verflechtung führt aber nicht zur Homo- genisierung der Arbeitswelten oder der Lebens- und Ar- beitsbedingungen: Transnationale Produktionsketten blei- ben nur solange profitabel, wie ein Gefälle zwischen den Produktionskosten verschiedener Standorte fortbesteht. Beginnt sich die Schere zu schließen, wird in der Regel erneut verlagert. So wird durch Globalisierung Ungleichheit befestigt und reproduziert.Die Fragen, wie auf den Trümmern modernisierungstheo-retischer Ideologie Grundlagen für eine Kooperation von Gewerkscha󐀀en Europas mit denen des Südens neu be- stimmt werden können und die Schützengrabenperspekti-  ve der Standortverteidigung überwunden werden    ©   W   S   I   M   i   t   t  e   i   l  u  n  g  e  n   2   0   1   4    D   i  e  s  e   D  a   t  e   i  u  n   d   i   h  r   I  n   h  a   l   t  s   i  n   d  u  r   h  e   b  e  r  r  e  c   h   t   l   i  c   h  g  e  s  c   h   ü   t  z   t .   N  a  c   h   d  r  u  c   k  u  n   d   V  e  r  w  e  r   t  u  n  g    (  g  e  w  e  r   b   l   i  c   h  e   V  e  r  v   i  e   l   f   ä   l   t   i  g  u  n  g ,   A  u   f  n  a   h  m  e   i  n  e   l  e   k   t  r  o  n   i  s  c   h  e   D  a   t  e  n   b  a  n   k  e  n ,   V  e  r   ö   f   f  e  n   t  -   l   i  c   h  u  n  g  o  n   l   i  n  e  o   d  e  r  o   f   fl   i  n  e   )  s   i  n   d  n   i  c   h   t  g  e  s   t  a   t   t  e   t .  AUFSÄTZE 354 kann, erscheinen mir völlig offen. Eine intensivere Beschäf- tigung mit andersartigen, aber verbundenen Arbeitswelten kann ein erster Schritt sein. Der Beitrag gibt zunächst einen knappen Überblick über die historische Entwicklung der industriellen Arbeitswelt Indiens und ihre Zweiteilung in einen sogenannten  formel-len  und informellen  Sektor (Abschnitt 2 und 3). Damit wird der wesentliche Kontext, der für die Analyse sich wandeln-der Arbeitskampfdynamik in Indien erforderlich ist, skiz-ziert. Danach können wir uns den Transformationsprozes-sen seit Beginn der Liberalisierungspolitik (ca. 1991) und den Folgen für die Entwicklung von Arbeitskämpfen zu-wenden (4). Schließlich werden vier Hypothesen zu den Implikationen von Informalisierungsprozessen für die Ar- beitskampfdynamik des heutigen Indiens formuliert (5). Der Artikel argumentiert, dass Informalisierung in Indien die Wirksamkeit rechtsförmig regulierter Arbeitskämpfe zwar reduziert, die Bedeutung des heute nachlassend um-gesetzten Arbeitsrechts für die Formulierung von Gerech- tigkeitsnormen und Erwartungen der abhängig Beschä󐀀ig- ten gegenüber Staat und Unternehmen jedoch nicht untergraben hat. Die Erfahrung der Uneinlösbarkeit dieser Erwartungen in einer zunehmend informalisierten Arbeits- welt führt auch dazu, dass rechtlich normierte industrielle Konflikte in der Tendenz von scheinbar „primitiveren“, „ar- chaischen“ Arbeitskampfformen verdrängt werden, deren Brutalisierung und relative Unorganisiertheit sich jedoch  vor dem Hintergrund zeitgenössischer Globalisierungspro- zesse erklärt. 2. Die Entwicklung der Industriearbeit in Indien 2.1 Industrialisierung  Ein erster Industrialisierungsschub erfasste Indien im letz- ten Viertel des 19. Jahrhunderts, blieb jedoch zunächst stark auf die Textilindustrie und wenige lokale Schwerpunkte konzentriert: Bombay wurde zum Zentrum der Baumwoll- verarbeitung, der Großraum Kalkutta beherbergte fast die gesamte Juteindustrie. In den 1920er Jahren beschä󐀀igten die Textilindustrien dieser beiden Metropolen allein rund eine halbe Million Menschen (Ahuja 2003). Zwischen und  vor allem während der Weltkriege vollzog sich zugleich eine Erweiterung und Diversifizierung der industriellen Basis Indiens, wobei der Beschä󐀀igungseffekt angesichts der Grö- ße und nach wie vor weitgehend agrarischen Struktur des Landes begrenzt blieb: In den späten 1940er Jahren, als Indien unabhängig wurde, waren bei einer Bevölkerung von 400 Mio. lediglich 12 Mio. Menschen im weiterverarbeiten- den Gewerbe beschä󐀀igt und davon nur 2,6 Mio. in Fabri- ken bzw. größeren Betriebseinheiten (ILG 1946, S. 123). Selbst dieser geringe Anteil wurde erst durch einen signifi-kanten Ausbau des öffentlichen Sektors und der Schwerin-dustrie im Rahmen der Kriegswirtscha󐀀 (1940 – 45) erzielt, ein Prozess, der im Zuge der postkolonialen Fün􀀀ahres pläne ab 1951 dann in erheblich gesteigertem Tempo fortgeführt wurde. Ab den frühen 1980er Jahren war ein tief greifender industrieller Strukturwandel zu beobachten, dessen zu- nächst sichtbarster Ausdruck der Niedergang der im späten 19. Jahrhunderts entstandenen Industriehochburgen wie Bombay, Kalkutta, Ahmedabad oder Kanpur war (Bre- man 2004). Zugleich etablierten sich aber neue Industrien (u. a. Pharma-Industrie, Automobilzulieferer und IT). Die beschä󐀀igungsintensive Textilindustrie wurde nicht abge-baut, sondern räumlich verlagert und flexibel reorganisiert (vgl. Abschnitt 2.3), während transnationale Konzerne nach der Liberalisierung der indischen Wirtscha󐀀 ab 1991 ihre Präsenz etwa im Fahrzeugbau und der metallurgischen In- dustrie massiv verstärkten. In Indien ist daher in den letzten drei Jahrzehnten kein eindeutiger Trend zur Deindustriali- sierung zu beobachten, sondern eher, wie in China, eine Zweiteilung zwischen „Rostgürtel“ und „Sonnengürtel“: Auf der einen Seite setzt sich in alten Industrieschwerpunkten eine postindustrielle Dienstleistungsstruktur durch, die ih-ren sichtbarsten Ausdruck darin findet, dass Einkaufszen-tren und teure Wohnquartiere an die Stelle viktorianischer Fabriken treten. Auf der anderen Seite verzeichnen wir den Aufstieg neuer industrieller Konzentrationen, o󐀀 in der Peripherie urbaner Metropolen oder sogar in eher ländli-chen Regionen. Dabei bleibt der Agrarsektor, in dem die Häl󐀀e der inzwischen rund 500 Mio. Menschen zählenden Arbeitsbevölkerung Indiens tätig ist, für die Beschä󐀀igungs- struktur von überragender Bedeutung (NCEUS 2009, S. 18 und passim). Formale Selbstständigkeit hat in der gesell-scha󐀀lichen Organisation der Arbeit weiterhin großes Ge- wicht, sodass Lohnarbeit in Indien erst zur Jahrtausend- wende zur verbreitetsten Erwerbsform wurde. 2.2 „Arbeiterfrage“ und Trennung des „infor-mellen Sektors“ vom „formellen Sektor“ Wurde Industriearbeit also bereits im späten 19. Jahrhun-dert zu einer signifikanten sozialen Realität, so wurde die „Arbeiterfrage“ erst zwischen den Weltkriegen als zentrales politisches Problem anerkannt. Dies war zum Teil Ergebnis des Wachstums und der Diversifizierung der Industrie selbst, vor allem aber eine Reaktion auf eskalierende Ar- beitskämpfe (vgl. Abschnitt 4). Hinzu kam, dass Geschä󐀀s-strategien, die das Fixkapital minimierten und die daraus resultierenden Produktivitätseinbußen durch Niedrigstlöh- ne ausglichen, einer zunehmend spürbaren japanischen Konkurrenz unterlegen waren, die niedrige Löhne mit hö-herer Produktivität kombinierte. Die Regulierung indust-rieller Beziehungen, sozialpolitische Initiativen, die „Rati- onalisierung“ der Produktion und die „Planung“ nationaler Arbeitsressourcen und ihrer Reproduktion wurden vor  WSI MITTEILUNGEN 5 / 2014 355 diesem Hintergrund ab den 1920er Jahren zu wichtigen 󰀀emen der politischen Debatte, sowohl in kolonialen als auch in nationalistischen Kreisen Indiens (Ahuja 2003; 2013). Die zunehmende Bedeutung der „Arbeiterfrage“ mag früheren Entwicklungen in Europa ähneln; zugleich lässt sich aber ein signifikanter Unterschied feststellen: Die rigorose Eingrenzung   des Geltungsbereichs von Arbeits- und Sozial- recht auf eine kleine  Minderheit   der Erwerbsbevölkerung war prägend für die formative Periode (1930er bis 1950er Jahre) der gesetzlichen, formellen Regulierung der Arbeits-welt Indiens. Die gesetzliche Regulierung von Arbeitsbezie-hungen resultierte also nicht in einem „Normalarbeitsver-hältnis“, das zumindest für eine Mehrheit der Beschä󐀀igten erfahrbar gewesen wäre, obwohl immer wieder in Aussicht gestellt wurde, den Geltungsbereich in Zukun󐀀 schrittweise auf die gesamte Arbeitswelt zu erweitern. Realiter wurde  vielmehr eine Segmentierung des Arbeitsmarktes politisch erzeugt und fein kalibriert (Mohapatra 2005; Simeon 2005).Zunächst wurde zwischen einem organisierten  und ei- nem unorganisierten  Sektor differenziert; seit den 1970er Jahren setzte sich im offiziellen und wissenscha󐀀lichen Sprachgebrauch dann weltweit die Unterscheidung zwi- schen einem  formellen  und informellen  Sektor durch. Dem organisierten oder formellen Sektor werden in Indien als Kapitalgesellscha󐀀en eingetragene Firmen mit mehr als zehn Beschä󐀀igten zugerechnet, in denen, zumindest der 󰀀eorie nach, das Arbeitsrecht (vor allem das Fabrikgesetz) und beschä󐀀igungsabhängige Sozialleistungen Geltung haben (Breman 2013). Zum informellen Sektor, in dem das Arbeits- und Sozialrecht prinzipiell keine Gültigkeit hat, wird fast die gesamte Landwirtscha󐀀 (mit Ausnahme der Plantagen) gezählt, darüber hinaus aber nach offiziellen Angaben von 2009 auch knapp 74 % der nicht-agrarischen Arbeitsmarktbereiche (Industrie und Dienstleistungen). Eine neue Definition von Informalität, die von einer indischen Regierungskommission (National Commission for Enterprises in the Unorganised Sector) im Jahre 2007 publiziert wurde, verdeutlicht die zunächst etwas verwir- rend klingende Unterscheidung zwischen Beschä󐀀igung im informellen bzw. formellen Sektor einerseits und informel- ler bzw. formeller Beschä󐀀igung andererseits. Während nämlich 2009 ca. 86 % der indischen Erwerbsbevölkerung einer Beschä󐀀igung im informellen Sektor nachgingen, er-folgte faktisch rund 93 % der Erwerbstätigkeit in Form in- formeller Beschä󐀀igung. Diese Diskrepanz verweist auf einen wichtigen Prozess, nämlich den der zunehmenden Informalisierung innerhalb  des formellen Sektors, vor allem in Form von Leiharbeit: Knapp die Häl󐀀e der Beschä󐀀igten des formellen Sektors sind inzwischen weder durch Arbeits- recht geschützt noch durch beschä󐀀igungsbezogene Sozialleistungen abgesichert, während der gesamte Beschäf- tigungszuwachs im „organisierten Sektor“ während des  vergangenen Wachstumsjahrzehnts der indischen Volks- wirtscha󐀀 im Bereich „informeller“ Beschä󐀀igung erfolgte (NCEUS 2009, S. 12f. und passim). 2.3 Fallbeispiel: Informalisierung der Textil-industrie Was sich hinter den enormen quantitativen Ausmaßen des informellen Sektors verbirgt, lässt sich am besten an einem Fallbeispiel erläutern. Die baumwollverarbeitende Textil- industrie ist einer der ältesten Zweige indischer Fabrik-produktion. Obwohl hoch spezialisierte Handweberei in Indien nie verschwunden ist und darüber hinaus ein be-trächtlicher Teil der Textilproduktion seit der ersten Hälf-te des 20. Jahrhunderts mit elektrifizierten Webmaschinen in Kleinbetrieben (sogenannte Powerlooms) erfolgt, war die Fabrikproduktion von Baumwolltextilien bis in die 1980er Jahre ein wichtiger Beschä󐀀igungssektor: allein in Bombay arbeiteten damals rund 250.000 Menschen in Textilfabriken (Weersch 1992). Seitdem ist ein dramatischer Niedergang zu verzeichnen: Heute werden nur noch 5 % der indischen Textilien in for- mell regulierten Fabriken produziert. Beherrschend ist heu- te der Powerloom-Sektor, in dessen (juristisch oder real) meist kleinen Betriebseinheiten das Arbeitsrecht keine Gültigkeit hat. In mehr als 500.000 solcher Betriebseinhei-ten erfolgt über 60 % der indischen Textilproduktion mit rund 2 Mio. Webmaschinen und 4 – 5 Mio. Beschä󐀀igten (Government 2006, Kap. 2.2; 2012; Anjum/󰀀akor 2011). Der informelle Sektor ist hier (wie in anderen Industrien) kein Restbestand einer vormodernen Arbeitswelt, sondern in großen Teilen das Ergebnis jüngerer industrieller Um-strukturierung mit dem Ziel der Kostensenkung und Fle- xibilisierung. Die Verlagerung der Textilproduktion von formell regulierten Fabriken in neue Konzentrationen von kleinen Betriebseinheiten ging mit Lohnverlusten von bis zu 50 %, mit Ortsverlagerungen und mit dem weitgehenden Austausch von Belegscha󐀀en einher: Industrielle Stamm-belegscha󐀀en wurden großenteils durch gewerkscha󐀀lich unorganisierte Migranten ersetzt, die häufig zwischen den neuen Textilzentren und den bis zu 1.500 km entfernten Heimatdörfern zirkulieren, in denen ihre Familien leben. Die neuen Konzentrationen der Textilproduktion sind o󐀀 durchaus massiv: So beherbergten Bhiwandi, in der Peri-pherie Bombays gelegen, und Surat im westindischen Bun-desstaat Gudscharat nach offiziellen Zahlen von 2008 Pow- erloom-Konzentrationen von 340.000 bzw. 450.000 Web- maschinen; nach inoffiziellen Schät z un gen stehen in diesen beiden Orten deutlich mehr, näm lich rund die Häl󐀀e der indischen Powerlooms (Government 2006, Kap. 2.2). Die Produktion erfolgt durchaus auch in großen Fabrikhallen, in denen aber formal zahlreiche, juristisch unabhängige Unternehmen tätig sind. Dennoch sind diese neuen indus- triellen Konzentrationen gesellscha󐀀lich weit weniger sicht- bar als ihre Vorgänger: Während im frühen 20. Jahrhundert bedeutende urbane Zentren wie Bombay oder Ahmedabad als Manchester Indiens bezeichnet wurden, schmücken sich heute eher unbekannte Orte mit diesem zweifelha󐀀en Eh-rentitel. Klassische Industriearbeit ist in der Textilbranche also keineswegs verschwunden; die neuen Sweatshops  AUFSÄTZE 356 sind lediglich in eine von der Öffentlichkeit gewöhnlich ignorierte Schattenwelt verbannt worden. 3. Politische Regulierung industrieller Beziehungen Auf dem Gebiet der industriellen Beziehungen wurde von der Regierung des postkolonialen Indiens nach 1947 im Wesentlichen die Politik des britischen Kolonialregimes fortgeführt: Das Streikrecht wurde eingeschränkt und in staatswichtigen Branchen ganz ausgesetzt; „repräsentative“, also mit Verhandlungsmandat versehene Gewerkscha󐀀en mussten von staatlichen Stellen anerkannt werden; Arbeits- konflikte unterlagen staatlicher Zwangsschlichtung. Im Ergebnis entstand ein Regime industrieller Beziehungen, das von Tarifautonomie nicht weiter entfernt hätte sein können und vielleicht als staatszentrierter Tripartismus bezeichnet werden kann.In dem Maße, wie der Zugang zu staatlichen Regulie- rungsinstanzen und Regierungskorridoren zum Schlüssel für erfolgreiche Interessenvertretung wurde, entfaltete sich nun innerhalb der Gewerkscha󐀀en ein Prozess der Bürokra- tisierung, wobei die Bindung an politische Parteien enger und ausschließlicher wurde. Zugleich engte sich gewerk- scha󐀀liche Arbeit zunehmend auf die so institutionalisierten Aushandlungswege und damit auf den formellen Sektor ein: In der informellen Ökonomie blieben ja nur die Formen sozialer Mobilisierung, denen „repräsentative“ Gewerkschaf- ten abschwören sollten (Hensman 2011). Seit Indira Gandhis Notstandsregierung (1975 – 77) war dann ein Niedergang des staatszentrierten Tripartismus, dieses spezifischen Typs korporatistischer Regulierung, zu  verzeichnen. Mit politischer Rückendeckung aus den Regie-rungsetagen wurden im Laufe eines Jahrzehnts die gewerk-scha󐀀lichen Hochburgen Indiens geschliffen. Der in einer  verheerenden Niederlage und der vollständigen Verlagerung und Umstrukturierung der Industrie endende Bombayer Textilarbeiterstreik von 1982 – 84, eine der wohl bittersten Streikbewegungen der Geschichte mit ca. 200.000 Teil-nehmern, markierte den Höhepunkt dieser Entwicklung (Weersch 1992). Nachdem 1991 die bis dahin schleichende neoliberale Wende in der Wirtscha󐀀s- und Sozialpolitik öffentlich erklärt und verschär󐀀 wurde, zeigten sich die Ele-mente des Regimewechsels bezüglich der Regulierung der Arbeitswelt deutlich: (1) Die Empörung über die „Privilegien“ der formell be- schä󐀀igten „Arbeiteraristokratie“ gehörte nun zum guten Ton in Politiker-, Medien- und Wissenscha󐀀sdiskursen. (2) Die indischen Bundesstaaten begaben sich miteinander in einen Unterbietungswettbewerb zur Bereitstellung des „besten Geschä󐀀sklimas“ einschließlich der Einrichtung  von wirtscha󐀀lichen Sonderzonen, in denen das Arbeits- recht keine Gültigkeit besitzt, und der massiven polizei- lichen Unterbindung von Arbeitskämpfen. (3) Das bestehende Arbeitsrecht wurde zwar als Arbeits- marktrigidität kritisiert, aber nicht auf dem Wege der Gesetzgebung außer Kra󐀀 gesetzt. Stattdessen vollzog sich, was treffend als „Arbeitsmarktreform unter der Tarnkappe“ bezeichnet worden ist (Shyam Sundar 2010): Geltendes Arbeitsrecht wird mit richterlicher und politischer Un- terstützung häufig nicht implementiert und steht so den Beschä󐀀igten im Konfliktfall o󐀀 nicht mehr als Ressource zur Verfügung.(4) Auf verschiedenen Wegen ist ein Prozess der Informa-lisierung, also der Umwandlung formeller Beschä󐀀igungs-  verhältnisse in informelle, eingeleitet worden. Dieser Prozess kann durch Verlagerung aus dem formellen in den infor- mellen Sektor (etwa durch Betriebsau󐀀eilung, räumliche Verlagerung und Dezentralisierung) oder durch innere Aus- höhlung des formellen Sektors (typischerweise Leiharbeit) erfolgen. Diese o󐀀 nicht rechtskonforme Aushöhlung des formellen Beschä󐀀igungsstatus ist in privatwirtscha󐀀lichen Betrieben leichter durchsetzbar als in Staatsbetrieben, wes-halb Privatisierung hier in manchen Fällen einen Einstieg bot (Breman 2013). (5) Schließlich führte der Regimewandel dazu, dass die Ge- werkscha󐀀en ihren Einfluss auf die Politik der Parteien weit- gehend verloren und Probleme der Arbeitswelt nur noch geringes öffentliches Echo erzielen konnten. Mit der Schwä- chung der Gewerkscha󐀀sbünde einher ging die Entstehung zahlreicher „unpolitischer“, auf Partikularinteressen be- stimmter Beschä󐀀igungsgruppen fokussierter Betriebsge- werkscha󐀀en, parteiunabhängiger militanter Gewerkschaf-ten, nach Kastenzugehörigkeit oder Ethnizität organisierter identitärer Zusammenschlüsse abhängig Beschä󐀀igter sowie  verschiedener „wohltätiger“ Nichtregierungs organisationen (NGO), die bisweilen klassische Gewerkscha󐀀sfunktionen übernahmen. Die etablierten Gewerkscha󐀀en richten sich nur allmählich auf die veränderte Situation ein, indem sie sich für informell Beschä󐀀igte stärker öffnen (Bhattacharjee/ Ackers 2010; Hensman 2011). 4. Indische Arbeitskämpfe Diese langfristigen Tendenzen in der Politik industrieller Beziehungen können nur im Kontext der Geschichte in- discher Arbeitskämpfe verstanden werden. So war die Ge- nese des oben beschriebenen staatszentrierten Tripartis- mus in den mittleren Dekaden des 20. Jahrhunderts in  vieler Hinsicht eine Reaktion auf den Anstieg von Streik-  WSI MITTEILUNGEN 5 / 2014 357 bewegungen. Wenn Beverly Silvers quantitative Langzeit- analyse eine weltweite Verstärkung von Streikbewegungen nach beiden Weltkriegen (und nach 1945 insbesondere außerhalb der atlantischen Weltregion) festgestellt hat, so gilt das in vollem Umfang auch für den indischen Fall (Silver 2003). Eine bis dahin unbekannte Häufigkeit von Arbeitskämpfen in den Jahren 1919 – 21 beförderte die Gründung zahlreicher Gewerkscha󐀀en; in den späten 1920er Jahren und erneut in den späten 1930er Jahren kam es nicht nur zu weiteren Streikwellen, sondern auch zu einer größeren Militanz und Intensität der Arbeitskämp-fe, die mit einer politischen Radikalisierung der Arbeiter- bewegung einhergingen und die Regulierung von Arbeits- kämpfen zu einem zentralen politischen 󰀀ema machten. Die allgemeine politische und soziale Krise nach Ende des Zweiten Weltkrieges brachte neben großflächigen Bauern- aufständen, pogromartigen Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslimen und einer gewachsenen Unruhe innerhalb der Streitkrä󐀀e des sich zurückziehenden Ko- lonialstaats auch eine ungekannte Verbreiterung von Streikbewegungen hervor, die in hohem Maße auch den öffentlichen Dienst einbezogen. In der abziehenden kolo-nialen wie auch in der sich formierenden postkolonialen Regierung verfestigte sich der Eindruck, am Kraterrand eines ausbrechenden Vulkans zu sitzen (Sarkar 1985, Kap. 8). Die Pflöcke eines rigiden staatszentrierten Tripar- tismus wurden nun, vor allem in den Jahren 1947 und 1948, in großer Eile eingeschlagen. Wie bereits argumentiert, trug dieser staatszentrierte Tripartismus zu einer Ausdifferenzierung zwischen einer formellen (rechtsförmig regulierten) und einer informellen (vor allem durch soziale Mechanismen regulierten) Öko-nomie sowie zu einer gewissen Abwendung der Gewerk- scha󐀀en von der Interessenvertretung der informell Be- schä󐀀igten bei. Eine Eindämmung von Streikbewegungen konnte bis Mitte der 1970er Jahre allerdings nicht durch-gesetzt werden: die Zahl der statistisch erfassten Arbeits-kämpfe erreichte, im Gegenteil, immer neue Höhen. Erst als autoritäre Tendenzen in der postkolonialstaatlichen Ent- wicklung 1975 in der Ausrufung des nationalen Notstands kulminierten und Premierministerin Indira Gandhi zwei Jahre lang den demokratischen Prozess weitgehend aussetz- te, kam es zu einer statistisch gut nachvollziehbaren Wende (  Abbildung 1 ). Dies ging einher mit der allmählichen Ein- leitung einer wirtscha󐀀s- und sozialpolitischen Wende. Die Häufigkeit statistisch erfasster Arbeitskämpfe fiel nun deut- lich ab, wobei Aussperrungen (hinter denen sich auch ver-steckte Betriebsschließungen unter Umgehung des Kündi-gungsschutzes verbergen können) gegenüber Streiks stetig an Bedeutung zunahmen (Shyam Sundar 2010). Dabei ist zu beachten, dass die offiziellen Arbeitskampf- statistiken nur bedingt aussagekrä󐀀ig sind. Die Meldung  von Streiks an die zuständigen offiziellen Stellen ist nicht  verpflichtend; die Arbeitsverwaltungen, denen auf der lo-kalen Ebene die Erfassung obliegt, waren vor 1955 admi-nistrativ schwach aufgestellt und haben seit der offiziellen Wende zur wirtscha󐀀spolitischen Liberalisierung im Jahre 1991 nachlassende Priorität; die indischen Bundesstaaten buhlen um die Gunst nationaler und internationaler Inves- toren, indem sie ihr besonders vorteilha󐀀es Geschä󐀀sklima propagieren, für das eine geringe Streikfrequenz ein wich-tiger Indikator ist; Streiks im öffentlichen Dienst sind 2003 untersagt worden, während politische Streiks und andere Ausstände, die nicht den Normen des Arbeitskampfgesetzes entsprechen, nicht erfasst werden (Shyam Sundar 2010). Dass wir es mit einer erheblichen, von den offiziellen Sta-tistiken nicht erfassten Frequenz von unregulierten, „wil-den“ Arbeitskämpfen zu tun haben, wird auch darin deut-lich, dass seitens der Unternehmerverbände (insbesondere der Föderation der Indischen Industrie- und Handelskam-mern) die Gesamtentwicklung der industriellen Beziehun-gen keineswegs als positiv eingeschätzt und vielmehr eine besorgniserregende Zunahme gewaltsamer Arbeitskonflik- te beklagt wird (Ahuja 2013).  Abbildung 1  zur Entwicklung indischer Arbeitskämpfe seit 1921 übertreibt daher mit gro- ßer Sicherheit die Tiefstände vor 1955 und nach 1991. Zu- verlässige Auskun󐀀 gibt es eher über die Konjunkturen in- discher Politik der industriellen Beziehungen und über den Aufstieg und Fall von „Arbeit“ als öffentlicher, politischer Kategorie als über die Häufigkeit und Dynamik von Ar- beitskämpfen. 5. Informalisierung und Arbeitskämpfe im zeitgenössischen Indien Aus der hier nur in Grundzügen angedeuteten zeithisto-rischen Analyse ergeben sich vier Hypothesen über den Zusammenhang von Prozessen der „Informalisie- ABB. 1 Registrierte Arbeitskämpfe in Indien 1921 – 2010 Angaben in absoluten Zahlen Quelle: Darstellung und Zusammenstellung des Autors aus seit 1921 von der staatlichenArbeitsverwaltung veröffentlichten Arbeitskampfstatistiken. Mitteilungen 05001.0001.5002.0002.5003.0003.5004.000        1        9        2       1       1        9        2       4       1        9        2       7       1        9        3        0       1        9        3        3       1        9        3        6       1        9        3        9       1        9       4        2       1        9       4       5       1        9       4        8       1        9       5       1       1        9       5       4       1        9       5       7       1        9        6        0       1        9        6        3       1        9        6        6       1        9        6        9       1        9       7        2       1        9       7       5       1        9       7        8       1        9        8       1       1        9        8       4       1        9        8       7       1        9        9        0       1        9        9        3       1        9        9        6       1        9        9        9        2        0        0        2        2        0        0       5        2        0        0        8        2        0       1        0
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